Drei Leben gleichzeitig – wie soll das gehen?

Shownotes

DER HEISSE STUHL – Echtes Coaching. Ohne Filter.

Dr. Daniel Holzinger begleitet Menschen bei ihren persönlichen Herausforderungen – live, ungeskriptet und nach dem kognitiven Ansatz. * Coaching live erleben*

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Transkript anzeigen

00:00:00: Meine Frage im Kopf ist oft: Wie schafft man es,

00:00:03: drei Leben gleichzeitig in eins zu packen?

00:00:08: Herzlich willkommen zu Dr. Daniel Holzingers Podcast

00:00:12: „Der heiße Stuhl – Echtes Coaching ohne Filter“.

00:00:16: Dieser Podcast ist für alle gedacht,

00:00:18: die sich für Psychologie und den Kognitiven Ansatz interessieren,

00:00:22: aber natürlich auch für die, die manchmal das Gefühl haben,

00:00:25: festzustecken, und die vor allen Dingen wissen wollen,

00:00:29: wie sie ihr Leben durch die Kraft des eigenen Denkens verändern können.

00:00:36: In dieser Folge ist Katrin aus Stuttgart zu Gast, und sie hat zwei interessante

00:00:42: Themen, die wir hier in dieser Sitzung lösen.

00:00:45: Erstens: Fear of Missing Out, die Angst,

00:00:48: das Leben zu verpassen. Sie will intensiv und laut und viel erleben.

00:00:53: Und der andere Strang ist jetzt der bevorstehende Herbst.

00:00:56: Sie hat jetzt schon ein wenig Bammel davor, dass die Tage wieder kürzer werden

00:01:01: und sie dadurch gezwungenermaßen nicht mehr so viele schöne Dinge erlebt.

00:01:05: Wie wir diese Nuss knacken,

00:01:07: das erfährst du jetzt in der neuen Folge von „Der heiße Stuhl –

00:01:12: Echtes Coaching ohne Filter“.

00:01:15: Liebe Katrin, welches Problem möchtest du in diesem heißen Stuhl mit mir lösen?

00:01:22: Ja, ich überlege die ganze Zeit, ob es ein Problem ist oder ob es

00:01:26: zwei gleichzeitig sind, ob das eine oder das andere Problem gleichzeitig ist.

00:01:30: Meine Frage im Kopf ist oft: Wie schafft man es,

00:01:33: drei Leben gleichzeitig in eins zu packen?

00:01:39: Und mein Problem, das ich mit diesem Versuch habe,

00:01:42: drei Leben in eins zu packen, ist, dass ich dann

00:01:46: irgendwann gegen Ende des Jahres merke: Jetzt geht mir die Energie flöten.

00:01:50: Also ich habe immer so ein bisschen

00:01:51: Schiss vorm Herbst, weil ich dann merke, dann kommt so ein gewisses Loch,

00:02:00: wo ich dann einfach merke: Jetzt war mindestens ein Leben zu viel,

00:02:04: und jetzt bricht das Kartenhaus so peu à peu zusammen.

00:02:09: Damit wir das klären, müssen wir die drei Leben einmal kurz überlegen,

00:02:13: damit ich verstehe, was das bedeutet, drei Leben gleichzeitig.

00:02:17: Und dann dieses Loch im Herbst,

00:02:19: das gucken wir uns im zweiten Schritt an.

00:02:23: Also, magst du mir kurz erklären, was du alles machst?

00:02:27: Zum einen bin ich Mama, drei Kinder.

00:02:30: Also typisch klassisches Familienleben mit allem, was dazugehört.

00:02:36: Die drei sind auch sehr unterschiedlich vom Alter und von ihren Ansprüchen.

00:02:39: Also die Große ist schon fast erwachsen mit 17.

00:02:41: Dann haben wir noch den Zwölfjährigen und noch mal einen ganz kleinen Dreijährigen.

00:02:47: Da ist natürlich super viel los.

00:02:49: Dann bin ich selbstständige Unternehmerin, Optikerin,

00:02:51: und da auch sehr leidenschaftlich. Also ich mag meinen Beruf total gerne,

00:02:57: habe immer viele Ideen und will viel machen.

00:03:01: Dann bin ich auch gerne sportlich unterwegs. Also ich habe viele Interessen.

00:03:06: Ja, bin dann immer so ein bisschen rastlos, gefühlt.

00:03:09: Also ich habe ein bisschen Probleme damit, einfach mal nichts zu machen.

00:03:13: Das gibt es eigentlich nicht. Ich arbeite auch gerne bei uns zu Hause im Garten.

00:03:18: Aber ich denk mir immer: witzig, da hat man es schön,

00:03:22: aber ich sitze eigentlich nie da.

00:03:23: Jetzt haben wir zwei Leben schon, richtig verstanden: Familienleben,

00:03:27: Geschäftsfrau bist du, und das dritte ist dein persönliches,

00:03:31: privates Leben – habe ich das so verstanden? –, deine eigenen Interessen.

00:03:36: – Ja, genau. – Und …

00:03:41: Worin besteht jetzt das Loch, das Problem?

00:03:43: Was ist das Problem, das wir da lösen können sollen?

00:03:47: Das Loch ist eigentlich, dass ich den Absprung verpasse, zu merken, wann es

00:03:55: zu viel ist. Also dieses FOMO, Fear of Missing Out, ist

00:04:01: ja sehr präsent. Also ich will immer viel erleben.

00:04:04: Wenn ich überlege, wie ich mir früher mein Leben vorgestellt habe,

00:04:07: wie das heute wäre, dann habe ich mir immer vorgestellt, das muss auf jeden Fall

00:04:12: laut und viel und voll sein.

00:04:14: Da kann ich dann sagen: Ja, super, das habe ich geschafft.

00:04:18: Ich merke dann aber irgendwann gegen Ende des Jahres –

00:04:21: das überrascht mich dann immer –, dass ich dann merke: Oh, hoppla,

00:04:24: da war doch scheinbar irgendwo was zu viel.

00:04:27: Und was macht das dann mit dir?

00:04:30: Ich merke dann, dass ich so dünnhäutig werde.

00:04:33: Letztes Jahr war zum Beispiel eine Situation,

00:04:35: da kommt eine Kundin rein und fragt so

00:04:37: fröhlich: „Ah, Frau Wagner, wie geht's?“

00:04:41: Und da habe ich gemerkt, oh, einmal der Pegelstand, sodass ich gemerkt habe:

00:04:46: Warum rührt mich diese Frage jetzt so, nur ein einfaches „Wie

00:04:49: geht's?“ Da merke ich: Oh, hoppla, wenn mich das jetzt so aus

00:04:52: den Socken haut, dann scheint es ja nicht so optimal zu sein.

00:04:56: Und wenn du so erzählst, dann sieht man in deinen Augen, dass dich das doch berührt.

00:05:02: Ja.

00:05:04: Magst du mir noch kurz ein bisschen über diesen Schmerz erzählen? Was ist da in

00:05:08: dir vorgegangen? Was war so berührend an der Frage?

00:05:15: Ich hatte in dem Moment wahrscheinlich das Gefühl, dass ich selber gar

00:05:18: nicht den Zugang dazu habe: Wie geht es mir? Also dass mir dann auffällt:

00:05:22: Man ist ja permanent gefühlt irgendwie am Liefern,

00:05:25: also man macht seinen Job, man versucht da nah an Perfektion ranzukommen,

00:05:30: versucht, dass es allen in der Familie gut geht.

00:05:32: Sportlich hat man vielleicht noch irgendwelche Ziele.

00:05:36: Man denkt, man arbeitet immer auf irgendwelche Ziele hin.

00:05:39: Aber wenn dann so eine Frage kommt, „Wie geht's?“ –

00:05:43: da geht es ja dann eher ums Gefühl.

00:05:45: Dass ich dann merke: Oh, das ist vielleicht etwas,

00:05:47: was dann ein bisschen zu kurz kommt manchmal.

00:05:49: Damit ich dich gut verstehe: Erst dachte ich,

00:05:53: das ist doch jetzt gar kein Problem, die Katrin ist doch stabil.

00:05:58: Aber jetzt sehe ich in deinen Augen einfach, dass es dich packt.

00:06:04: Ja, und jetzt bist du vielleicht selber erschrocken, dass sich so eine Art

00:06:09: Kloß im Hals bildet bei diesem Thema. Ist das Überforderung, oder ist das …

00:06:15: Worin besteht das Problem im Herbst?

00:06:19: Merkst du, dass dir die Kraft ausgeht? Oder

00:06:23: dass du doch was verpasst? In welche Richtung geht es?

00:06:26: Kannst du das vielleicht noch ein bisschen beschreiben?

00:06:31: Ja, es ist vielleicht so ein bisschen dieses Gefühl,

00:06:33: ich will irgendwie gerne noch mehr

00:06:35: vom Sommer haben, zum Beispiel.

00:06:36: Also jetzt hat irgendwie eine Nachbarin oder irgendwer gesagt: „Ach,

00:06:39: jetzt ist der Sommerurlaub, und wenn wir dann zurückkommen, ist es Herbst.“

00:06:43: Und da habe ich gesagt: „Hey, ich schlag dich gleich.

00:06:47: Ich will nichts hören vom Herbst.

00:06:49: Ich will jetzt den Sommer genießen.“ Also so lange Abende …

00:06:52: Ich stelle mir dann einfach vor: Oh Gott, dann wird es wieder dunkel

00:06:57: und kalt.

00:06:59: – Hast du dann so diesen Herbstblues? – Ja.

00:07:02: Ist vielleicht auch so ein bisschen familiär.

00:07:04: Also ich weiß auch, meine Eltern, die haben früher,

00:07:06: wenn wir aus dem Sommerurlaub zurückgefahren sind,

00:07:08: jedes Mal im Auto geheult.

00:07:11: Das war irgendwie so normal. Der Urlaub ist vorbei, das ist jetzt so

00:07:15: das Ende der Welt. Da bin ich froh, unsere Kinder sind da anders.

00:07:17: Die freuen sich immer, wenn der Urlaub vorbei ist. Sagen: „Ach, juhu, mein

00:07:21: Kinderzimmer!“ Und die freuen sich dann auf die Schule.

00:07:28: Da merke ich, es gibt noch einen anderen Blickwinkel auf das Sommerferienende.

00:07:32: Auf das Leben und auf das Ende von etwas.

00:07:34: Genau, also dass man auch dem Herbst schöne

00:07:37: Momente abgewinnen kann. Aber irgendwie ist das für mich immer …

00:07:40: Also so der November ist für mich einfach die schwierigste Zeit.

00:07:42: Da habe ich immer das Gefühl, dann ist …

00:07:44: Ich habe das gut verstanden. Ich fasse noch mal für dich zusammen.

00:07:48: Das heißt, du bist eine aktive Frau. Du möchtest die Familie …

00:07:54: Du hast vorher das Wort Perfektion benutzt. Im Griff haben, so klingt es.

00:07:58: Oder sagen wir mal, das Beste mit der Familie haben.

00:08:02: Dann dein Business, ich kenne es.

00:08:04: Da bist du auch getrieben von der Schönheit, von der Ordnung,

00:08:09: alles muss seinen Platz haben und so weiter.

00:08:12: Da hast du hohe Ansprüche an dich und deine

00:08:15: – Mannschaft wahrscheinlich. – Ja, auf jeden Fall.

00:08:17: Und dann hast du natürlich dein eigenes Leben auch noch zu meistern.

00:08:22: Und wenn man das alles reinpackt und dann kommt der Herbst, wie fühlst du dich dann?

00:08:27: Was ist das für ein Gefühl?

00:08:28: Was hat dir dieses bisschen Tränen in die Augen getrieben?

00:08:32: Wahrscheinlich die Erkenntnis,

00:08:34: dass nicht immer alles gleichzeitig funktionieren kann.

00:08:37: Ist das eine Erkenntnis oder der Schmerz?

00:08:41: Eher auch ein Schmerz.

00:08:43: Weil, wenn das die Erkenntnis wäre, dann wären wir schon am Ziel der Sitzung.

00:08:46: Das ist es. Also ich

00:08:48: beschäftige mich ja auch so ein bisschen mit diesen psychologischen

00:08:51: Themen und weiß dann schon, okay, das ist ja auch eine gewisse

00:08:54: kognitive Dissonanz, würdest du jetzt wahrscheinlich sagen.

00:08:58: Hast du gut aufgepasst. Magst du das erklären?

00:09:00: Was hast du bis jetzt verstanden?

00:09:04: Dass eben nie alles gleichzeitig geht.

00:09:07: Also kein Mensch kann immer überall gleichmäßig gut sein.

00:09:11: Zum Beispiel jetzt beim Sport, dass ich dann wahnsinnig

00:09:14: viel trainiere und denke, ja, jetzt bin ich ganz kurz vor genau dem Ziel,

00:09:17: das ich mir so im Hinterkopf gesetzt habe.

00:09:21: Und dann kann man das vielleicht kurz erreichen, aber man kann es nie halten.

00:09:25: Und das ist dann manchmal das, wo es dann so zusammenbricht.

00:09:28: Ich sage dann immer so flapsig: Ich steige dann um von

00:09:30: nur Salat und alles vegan auf frittierte Snickers.

00:09:39: Ja, und ich denke, es wäre so schön gewesen, wenn man so einen sanften

00:09:42: Ausstieg schaffen würde, dass man sagt, okay, man gönnt sich ein bisschen was,

00:09:46: aber es bleibt noch vernünftig. Aber es ist dann so ein

00:09:49: bisschen so eine Achterbahnfahrt.

00:09:51: Jetzt hast du ja die Lösung schon skizziert.

00:09:54: Was hindert dich, diese Lösung anzunehmen?

00:09:57: Das verstehe ich selber nicht.

00:09:59: Gut, dann haben wir doch ein bisschen was zu tun.

00:10:02: Dann wäre jetzt der Teil der Sitzung, der vielleicht interessant ist.

00:10:05: Ja.

00:10:06: Jetzt sag noch mal, wie fühlt sich das dann an in diesem Herbstloch?

00:10:12: Überfordert?

00:10:15: Ist das ein bisschen … Ich mache was, was man eigentlich nicht so machen sollte,

00:10:21: aber weil das hier der Podcast ist und wir ein wenig unter

00:10:26: dem Druck der Zeit diese Sitzung durchführen wollen:

00:10:29: Darf ich dir was vorschlagen? Ich habe manchmal ein paar Ideen in meinem Kopf.

00:10:34: Ja, gerne.

00:10:35: Und du musst mir aber bitte heftig widersprechen, wenn ich

00:10:39: falsch liege, okay? Weil sonst werden die Zuhörer sagen,

00:10:43: dass ich dir einfach die Dinge in den Kopf rede.

00:10:47: Gut, ja.

00:10:49: Kann es sein, dass in diesem Gefühl im Herbst

00:10:52: ein bisschen eine Form von Wehmut mitschwingt,

00:10:57: die so eine Art, einen Hauch von Selbstmitleid hat?

00:11:02: Ja, ja.

00:11:03: Ja?

00:11:03: Ja, ich glaube, Selbstmitleid trifft es dann ganz gut.

00:11:08: Ja.

00:11:09: Das heißt, es gibt ja lustige Wörter: Mut,

00:11:14: Demut und Wagemut und Übermut und Lebensmut.

00:11:18: Und es gibt auch Wehmut. Es ist wahrscheinlich eines der schönsten

00:11:23: deutschen Wörter, weil in dem Wort schon der Schmerz enthalten ist. Und

00:11:28: irgendwie tut es weh. So wie bei Trennung: Scheiden tut weh,

00:11:33: oder Abschied nehmen tut weh. Es geht um irgendeine Art von

00:11:37: Abschied. Der Herbst ist so … Meine Mutter war in ihrem beruflichen Leben

00:11:42: Altenpflegerin, und sie hat gesagt: Im Herbst sterben die Menschen.

00:11:46: In diesem Novemberloch, hat sie gesagt, da sterben die meisten.

00:11:51: Und das ist so was, was dir bewusst wird: die Vergänglichkeit.

00:11:54: Der Sommer ist zu Ende, jetzt kommt diese dunkle, lange Jahreszeit,

00:11:59: liegt dann vor uns und so weiter. Das heißt, es gibt irgendeine Form von

00:12:03: Schmerz, und dann tust du dir selbst ein wenig leid, kann man das so sagen?

00:12:07: Ja.

00:12:10: Also Wehmut hat sich gerade …

00:12:12: Das wäre unser Zielgefühl. Aber du hast im Moment noch etwas … Selbstmitleid.

00:12:25: Aber Wehmut trifft's auch ziemlich gut.

00:12:30: Ich sage manchmal … also zum Beispiel im Sommer, dann frage ich mich manchmal:

00:12:33: Was hatte ich denn da? Dann kann ich das überhaupt nicht mehr nachspüren.

00:12:36: Also ich weiß, ich bin wegen Kleinigkeiten an die Decke gegangen oder habe

00:12:41: grundlos plötzlich geweint beim Spaziergang, wo ich gedacht habe:

00:12:45: Wo kommt denn das jetzt her?

00:12:46: Ich bin ja sonst eher so ein überschwänglicher, lustiger Typ.

00:12:52: Und ich sage mal, so Thema Mut: Ich sage manchmal, ich habe manchmal

00:12:56: einen Mutanfall. Also ich bin jemand, der sehr spontan ist und jetzt

00:13:00: nicht Dinge dreimal durchdenkt, sondern einfach so mutig reinspringt.

00:13:05: Aber dann kommt … Ja, das passt ja eigentlich ganz gut zusammen,

00:13:09: merke ich gerade, mit Wehmut. Also dann der Mut von der anderen Seite.

00:13:14: Die Kraft, diesen Winter

00:13:17: mindestens genauso leidenschaftlich zu leben wie den Sommer.

00:13:22: Was da fehlt? Nee, das könnte das Ziel sein,

00:13:25: dass du dich der Jahreszeit gemäß verhältst, dass du dich anpasst.

00:13:29: Aber deine Leidenschaft, die hängt ja nicht an den Umständen.

00:13:36: Das ist unsere Theorie. Wenn wir einen Fröhlichen im Herbst finden, dann

00:13:41: kann nicht der Herbst an deinem Loch schuld sein.

00:13:45: – Richtig, ja. – Stimmt das? – Ja.

00:13:47: Wovon hängt also ab, ob man im Herbst den Blues bekommt?

00:13:51: Wegen des Herbstes oder wegen der Gedanken über den Herbst?

00:13:56: Ich denke mal, wegen der Gedanken.

00:13:58: Ja, weil ein Glücklicher im Herbst würde unsere These widerlegen:

00:14:04: „Es ist Herbst, ich muss jetzt in ein Loch.“

00:14:08: Weil manche leben oben am Nordpolarkreis, ich weiß nicht, und sind fröhlich.

00:14:15: Da fragt man sich, wie halten die das aus in der Dunkelheit, in der Kälte?

00:14:21: Ja. Aber jetzt noch mal zu dir zurück.

00:14:23: Wie müsstest du dich dann fühlen,

00:14:26: wenn du also nicht in ein solches Herbstloch willst?

00:14:35: Idealerweise würde man ja wahrscheinlich die Zeit dann einfach zur Regeneration

00:14:39: nutzen. Also dass es wie so ein Zyklus ist. Man kann ja jetzt beim Sport

00:14:43: diesen Trainingsstatus nicht immer genau gleichmäßig, gleichförmig halten,

00:14:48: sondern der Körper braucht zwischendurch mal so eine Ruhephase.

00:14:51: Die gönnst du dir nicht?

00:14:52: Für den Kopf wahrscheinlich auch. Also ich gönne sie mir dann zu spät.

00:14:55: Meistens erst, wenn ich dann schon gemerkt habe: Oh,

00:14:58: jetzt plötzlich kommen mir die Tränen, wenn jemand fragt: Was brauchst du gerade?

00:15:03: Ja, dann ist es eigentlich leider schon wieder zu spät.

00:15:07: Hätte ich früher mal runterpegeln sollen.

00:15:11: Das ist interessant jetzt, weil das habe ich vorher auch schon gehört,

00:15:14: dass dir irgendwie das Maß fehlt, dass du nicht weißt, wann genug genug ist.

00:15:19: – Ja. – Ist das so?

00:15:22: Und dann reitest du dich richtig

00:15:25: – in die Sch… – Ja.

00:15:27: Um dann zu wissen, dass du in der Sch… steckst.

00:15:31: Ah, da ist sie ja wieder, die Grenze.

00:15:33: Also ich renne immer dagegen und denke: Ah, ja, stimmt.

00:15:36: – Und dann leidest du. – Ja.

00:15:39: Und bemitleidest dich, dass du in der Grube hockst.

00:15:41: Es ist dann kurz und heftig. Also ich kann mich dann selber wieder rausmanövrieren.

00:15:46: Es ist nicht so, dass ich dann wochenlang elend bin,

00:15:49: aber schon so ein paar Tage, wo ich immer wieder merke: Ah, da ist noch was.

00:15:54: Und wenn du das jetzt schon erkannt hast, dass das irgendein Zyklus

00:15:59: ist und dass das wiederkehrt, wieso änderst du es dann nicht?

00:16:03: Ja, das ist die Frage der Fragen. Ja.

00:16:08: Das war ja der Gedanke: Ach, ich muss irgendwann mal ins Holzinger

00:16:12: Institut und mir einen Trick abholen, wie ich den November meistere.

00:16:18: Das ist gut, ja. Mal sehen jetzt …

00:16:22: Es geht um eine Form von Weisheit wahrscheinlich dann, dass du

00:16:29: dich so ernst nimmst wie deine Kinder.

00:16:32: Weil wenn die zu viel machen, kannst du das erkennen.

00:16:35: – Ja. – Und dein Mann, wenn der sich überlastet?

00:16:39: Auch.

00:16:40: Das heißt, du bist nicht insgesamt blind?

00:16:43: Nee, zum Glück nicht.

00:16:46: Auch da übergeht man natürlich manchmal irgendwelche Befindlichkeiten.

00:16:51: Aber du verlangst von dir ein bisschen mehr als von

00:16:55: – den anderen, kann man das so sagen? – Ja.

00:16:58: Jetzt, wie müsstest du … Ich frage noch mal,

00:17:00: und sonst helfe ich dir: Wie müsstest du dich

00:17:03: fühlen, wenn du nicht wieder in dieses Loch möchtest,

00:17:07: von dem du schon weißt, dass es auf dich lauert?

00:17:12: Wie ich mich fühlen müsste …

00:17:15: Also nachsichtig? Aber das ist ja kein Gefühl.

00:17:18: Ja, du hast es gut gemacht, weil das, was da jetzt kommt,

00:17:22: ist im Grunde kein Gefühl, du hast schon recht.

00:17:25: Das ist mehr eine Entscheidung. Ich bezeichne das als höheres Gefühl,

00:17:30: das sitzt hinter unserer Stirn. Es gibt diese automatischen,

00:17:33: impulsiven Gefühle, Wut, Angst und so etwas.

00:17:36: Aber der Mut ist zum Beispiel eine Entscheidung.

00:17:38: Ich habe Angst, aber ich mache es trotzdem. So.

00:17:43: Und wenn man jetzt schon weiß über die Jahre,

00:17:46: dass es diese Löcher gibt im Herbst und dass mir die Kraft ausgeht,

00:17:50: wie müsste ich mich dann fühlen, damit ich mich schütze?

00:17:55: Zuversichtlich?

00:17:57: Ja, genau. Das sind dann alles die … irgendwas.

00:18:00: Also mein Lieblingsgefühl ist ja

00:18:05: entweder eine Form von Enttäuschung oder eine Art Unzufriedenheit,

00:18:09: dass ich bis jetzt immer in das gleiche Loch reinrenne.

00:18:13: Mein Professor Vlajkov hat immer zu mir gesagt: „Herr Holzinger, wenn Sie

00:18:18: die Löcher kennen, wieso rennen Sie rein, wieso fahren Sie nicht Slalom?“

00:18:23: Und da du ja eine Sportlerin bist: Wieso fährst du nicht Slalom um dieses Loch?

00:18:32: Ein bisschen macht es ja auch Spaß wahrscheinlich, durch Löcher zu fahren.

00:18:37: Ja, warum? Das heißt, was du ausdrückst: ein bisschen Maso?

00:18:45: Eine gewisse Blindheit vorher, dass man so im Tun

00:18:49: ist und so in der Energie, dass man es übergeht.

00:18:52: Das ist eine Form von Blindheit.

00:18:54: Und um diese Blindheit wegzunehmen,

00:18:56: müssten wir einmal eine Art Brille schleifen.

00:19:00: Ich bezeichne diese Brille als Ent-Täuschung: Befreiung von der

00:19:06: Täuschung. Ich habe eine Vermutung, worin die Täuschung besteht, aber wir

00:19:13: nehmen uns noch ein paar Minuten Geduld, und dann gucken wir, ob das so ist.

00:19:19: Jetzt stell dir vor, dass wir zwei Männer haben,

00:19:23: die letzte Woche im Aufzug stecken geblieben sind.

00:19:27: Diese Woche stehen sie wieder vor ihrem Aufzug.

00:19:33: Der eine fährt fröhlich, und der andere hat jetzt Panikattacken. Woran liegt das?

00:19:37: Unterschiedliche Erwartungshaltungen. Der eine sagt: Na ja, wird schon gut gehen,

00:19:42: wie wahrscheinlich ist es, dass ich noch mal stecken bleibe?

00:19:45: Und der andere denkt: Oh Gott, wenn wir jetzt wieder stecken bleiben,

00:19:49: stehe ich mit dem blöden Strahlemann wieder im Aufzug.

00:19:52: Ist also der Aufzug schuld an der Angst, oder wo kommt diese Angst her?

00:19:58: Ja, durch die … Ja, aber im Kopf, was man sich vorstellt, was jetzt passiert.

00:20:04: Dann kannst du sehen, dass das irgendeine Verbindung zu deinem Problem hat.

00:20:08: Wenn wir diesen einen Glücklichen im Herbst haben, dann muss der ja

00:20:13: – irgendwie anders denken. Gehst du mit? – Ja.

00:20:17: Ich mache noch mal einen kurzen Sprung zurück und frage noch mal.

00:20:21: Das heißt, in diesem

00:20:24: Problem gibt's wahrscheinlich zwei Gefühle. Einmal …

00:20:29: eine Form von Selbstmitleid, das geht wahrscheinlich

00:20:34: in Richtung Angst: Oh Gott, ich werde wieder

00:20:39: leiden, ja. Und einmal eine Form von Wut, dass du es nicht besser machst.

00:20:48: In welche Richtung geht es bei dir eher?

00:20:50: Was belastet dich mehr, wenn du jetzt an den nächsten Herbst denkst?

00:21:04: Ob das Angst ist … das ist schwer.

00:21:10: Wahrscheinlich so eine Soße. So ein bisschen …

00:21:15: eine gewisse Enttäuschung.

00:21:16: Noch nicht, wahrscheinlich, so wie ich sie verstehe.

00:21:20: Nicht enttäuscht, sondern eher …

00:21:22: Also, ich glaube, einmal so eine Angst, was zu verpassen oder so.

00:21:27: Das hast du gesagt, genau: Ich will alles, und davon viel.

00:21:37: Und wenn du dann wieder in einem Loch hockst, selbstverschuldet?

00:21:41: Ja.

00:21:45: Dann ist es eigentlich so ein … „Lasst mich alle in Ruhe.“

00:21:49: Okay, dann geht es in dieses …

00:21:51: Ja, genau. Dann ist eigentlich schon Selbstmitleid am treffendsten.

00:21:57: Gut. Und ärgerst du dich nicht, dass du jetzt wieder in diesem Loch hockst?

00:22:07: Doch, ja, auch.

00:22:07: Jetzt haben wir drei Richtungen.

00:22:10: Und wenn wir uns jetzt sauber noch mal kurz Gelegenheit nehmen,

00:22:15: kurz zurückgehen und überlegen: Was von den dreien ist für dich das Belastendste?

00:22:27: Etwas zu verpassen, kraftlos im Loch zu hocken oder der Ärger,

00:22:31: dass du so doof bist und wieder da drin hockst?

00:22:34: Ach, schon eine Mischung aus

00:22:36: kraftlos und dem Ärger darüber.

00:22:39: Also die Ängste, dass du was verpasst, sind nicht so gewaltig.

00:22:43: Ja, ich weiß ja, es gibt ja trotzdem noch genug zu erleben.

00:22:47: Dann waren wir schon auf der richtigen Fährte. Ich wollte es nur noch mal

00:22:51: abklopfen. Dann bleiben wir bei unserem ursprünglichen

00:22:55: Plan und gucken mal, was da also los ist.

00:23:00: Wann hattest du also das letzte Mal dieses Gefühl von

00:23:06: Selbstmitleid und diesem Selbstärger,

00:23:09: dass du in diesem Herbstloch landen könntest oder gelandet bist?

00:23:18: Also in abgemilderter Form, als die Nachbarin eben sagte:

00:23:21: Jetzt ist bald der Herbst. Ich dachte, ich bin noch ganz weit von diesem

00:23:25: Gefühl entfernt, aber da war schon so ein bisschen der Vorgeschmack.

00:23:29: Und was ist in diesem Augenblick durch deinen Kopf geschossen?

00:23:32: Also: A, ich hau dir eine rein – das hast du schon.

00:23:36: Aber das war nur der Stellvertreter.

00:23:38: Genau, ich dachte, dann komme ich ja hierher,

00:23:42: dann musst du mir die Lösung geben.

00:23:44: Da habe ich mich ein bisschen vertröstet.

00:23:48: Aber was hast du gedacht, um

00:23:51: schon jetzt in den Blues zu kommen, Wochen vorher?

00:24:02: Ja, dass die Tage manchmal so kurz sind, dass man einfach … ja.

00:24:09: Noch sind sie einigermaßen lang,

00:24:10: aber trotzdem geht es halt schnell, so eine Woche ist ja nichts.

00:24:14: Gut, das ist die Tatsache. Das kann dir jeder Wetterfrosch erklären,

00:24:18: warum die Tage kürzer werden und so. Das führt nicht zu Selbstmitleid.

00:24:22: Worin besteht dein Schmerz?

00:24:27: Wie erzeugst du jetzt schon schlechte Laune, wo wir noch mitten im Sommer sind?

00:24:34: Vielleicht das Gefühl, dass man zu kurz kommt.

00:24:37: Doch, dieses … Ja, das ist ein selbstmitleidiges Gefühl.

00:24:41: Weil ich kann ja selber bestimmen, ob ich …

00:24:43: Vorher hast du gesagt: Ich will viel und laut.

00:24:47: Das heißt, du hast so eine Art … Ist das Lebenslust oder eine Gier nach Leben?

00:24:53: Schon fast Gier, würde ich sagen. Wahrscheinlich.

00:24:56: Ich denke oft: Ach, wie schön, unsere Terrasse, da setze ich mich gleich hin.

00:25:01: Und dann sitze ich zwei Minuten da und denke: Ich könnte aber

00:25:03: noch kehren oder Unkraut jäten, oder ich könnte Sport machen.

00:25:06: Und ja, dann bin ich schon wieder dabei.

00:25:09: Das heißt, die Pause, das Genießen deines Jetzt, das ist schwer.

00:25:14: Ja.

00:25:15: Und noch mal – nicht, weil ich doof bin, sondern nur,

00:25:19: damit wir es auf Tonband haben: Warum fällt es dir schwer?

00:25:25: Was denkst du in diesem Augenblick jetzt?

00:25:28: „Ich könnte noch …“ Und bleibt es beim Konjunktiv,

00:25:31: „ich könnte“, oder fängst du dann an, was zu wurschteln?

00:25:35: Ja.

00:25:36: Also ich bin immer ganz stolz, wenn ich es geschafft habe, nichts zu machen, dann …

00:25:41: Das ist für dich die Herausforderung.

00:25:44: Ja, das ist dann eine richtige Leistung.

00:25:48: Jetzt noch mal die Frage: Was denkst du in diesem Augenblick,

00:25:53: um ins Loch zu kommen? Ist das: Ich könnte was verpassen?

00:25:59: Ist das die Wahrheit? Ich könnte was verpassen?

00:26:03: Aber dieser Gedanke erzeugt ja nicht den Schmerz,

00:26:07: sondern erst die Wahrheit: Ich könnte was verpassen.

00:26:12: Ich glaube, der Schmerz ist so ein gewisses Selbstbild,

00:26:17: und dass das dann bröckelt, also dass man dem eigenen Anspruch

00:26:25: nicht genügt. Also man überlegt ja auch: Wo kommt denn dieser Anspruch,

00:26:29: wo kommt der her? Und es ist ja meistens dann irgendwo,

00:26:33: wo ein Bedürfnis nicht ganz erfüllt ist, und wahrscheinlich ist es teilweise:

00:26:39: Der Wert ist eben nur da, wenn man was leistet. Also ich bin gut,

00:26:43: wenn ich gute Leistungen bringe und wenn ich das alles manage.

00:26:50: Ist das so bei dir?

00:26:52: – Ja, ich glaube schon. – Jetzt hast du

00:26:56: mir eine wichtige Sache verraten: dein Selbstbild.

00:26:59: Ich bin nur gut, wenn ich was leiste. Und je mehr ich leiste, desto

00:27:05: besser bin ich dann. Das wäre dann die Ableitung, stimmt's?

00:27:08: Und was wäre dann Pause machen für dich?

00:27:12: Ja, da ist man dann nicht gut, da ist man dann faul.

00:27:17: Und wenn man so denkt, was wird man dann nie tun?

00:27:21: Äh, nie entspannen.

00:27:23: Und wie wird man dann in den Herbst reiten?

00:27:27: Durchgeritten.

00:27:31: – Fix und fertig? – Ja.

00:27:36: Ja, das ist es, glaube ich. Dieses …

00:27:40: Dann hast du dein Gefühl von deiner eigenen Leistung abhängig gemacht.

00:27:45: Ja.

00:27:46: Und jetzt hast du mir gerade ja noch etwas verraten: dass du,

00:27:50: wenn es dir gelingt, einmal nichts zu tun, ganz stolz bist.

00:27:55: – Ja. – Wo kommt dieser Stolz her?

00:27:57: Ja, weil ich dann denke: Okay, ein bisschen was verstehe ich ja doch.

00:28:01: Ja, aber das dann … Mein Mann sagt immer …

00:28:04: Also Männer können das ja ganz gut, abschalten.

00:28:07: Früher war ich dann immer sauer, wenn ich ihn erwischt habe,

00:28:10: wie er im Kinderzimmer auf dem Boden

00:28:11: liegt, im Zen, und das Kind spielt daneben.

00:28:13: Da habe ich immer gedacht, du musst aktiv mitspielen und irgendeine Rolle einnehmen.

00:28:18: Und er hat gesagt: „Nö, ich bin in der Empty Box,

00:28:21: einfach Hirn aus.“ Und da habe ich irgendwann gemerkt:

00:28:24: Warum ärgert mich das eigentlich so, wenn er nicht aktiv spielt?

00:28:29: Dann habe ich gemerkt, ich bin einfach eifersüchtig,

00:28:31: weil ich das so schlecht kann. Also ich kann nicht so …

00:28:34: Wenn ich im Kinderzimmer auf dem Boden sitze, fange ich an, irgendwelche

00:28:37: Spielsachen zu sortieren oder mir irgendeine Rolle zu überlegen:

00:28:39: Was will ich jetzt pädagogisch sinnvoll da fördern?

00:28:43: Das heißt, du hast diesen Drang, das … Wie ist dein Selbstbild bei diesen Dingen?

00:28:59: Pause machen geht nicht, und man muss nach deiner Meinung ja so

00:29:04: viel wie möglich reinpacken. Gibt es irgendeinen Überbegriff?

00:29:09: Wie muss alles laufen bei dir?

00:29:14: Zielgerichtet.

00:29:16: Wenn es kein Ziel hat?

00:29:19: Dann ist es zwecklos.

00:29:22: Das heißt, so chillen und so geht ja nicht. Warum?

00:29:26: Ja, weil das hat ja kein Ziel. Wenn ich sage, jetzt chill ich,

00:29:30: dann ist es meistens: Ach, ich könnte Yoga machen

00:29:33: oder mir einen Podcast zur Meditation anhören.

00:29:36: Außer du würdest dir ein neues Ziel ausgeben: „Ich entspanne jetzt.“

00:29:43: Dann könntest du das mit der gleichen Hingabe machen wie Yoga.

00:29:49: Ja, vermutlich.

00:29:50: Aber du hast das überhaupt nicht als Ziel im Raum, weil du ja was leisten musst.

00:29:57: Ja.

00:29:59: Ja, und solange du denkst, dass du etwas leisten musst, um gut zu sein –

00:30:04: haben wir vorher schon entdeckt –, wirst du ja nicht entspannen können. Ja?

00:30:08: Ja.

00:30:09: Und dann wirst du ja auch nicht den Herbst etwas gelassener angehen.

00:30:18: Jetzt ist die Frage: Ist diese Verpassensangst größer, oder die,

00:30:21: nichts zu sein, nichts wert zu sein, wenn man nichts leistet?

00:30:27: Wahrscheinlich das Zweitere.

00:30:29: Ja, die sind irgendwie Cousinen, die haben sich eingehakt und gehen zusammen

00:30:35: spazieren. Aber die eine scheint belastender zu sein als die andere.

00:30:39: Ja.

00:30:41: Ich bezeichne so etwas als Abhängigkeitskognition,

00:30:47: als wärst du abhängig von der Leistung.

00:30:52: Ja: Ich bin nur wertvoll, wenn ich etwas leiste.

00:30:55: Ja.

00:30:56: Und dann versklavst du dich, dann bist du deine eigene Herrin, die dich unterjocht.

00:31:01: Ja.

00:31:02: Und dann gibt es in deinem Kopf nur Frieden, wenn du kaputt bist.

00:31:08: Ja.

00:31:10: Aber dann kommt der Ärger zu dir gekrochen: Warum mache ich das?

00:31:15: Warum mache ich mich kaputt?

00:31:19: Das war wahrscheinlich auch ein Teil des kleinen Schmerzes,

00:31:24: den wir vorher gesehen haben.

00:31:28: Jetzt müssen wir uns kurz sammeln. Wir haben jetzt mehrere Gedanken entdeckt,

00:31:33: die für das Loch zuständig sind. Also: Ich verpasse was, mein Leben ist zu kurz.

00:31:38: Ich würde gerne laut und intensiv leben.

00:31:43: Aber gleichzeitig möchte ich mich schützen.

00:31:45: Aber wenn ich das tue, dann bin ich nichts wert.

00:31:50: Ja.

00:31:50: Das ist mir nicht fremd, so zu denken, ich war früher auch so.

00:31:57: Das ist unser Mantra, ja?

00:31:59: „Schaffe, schaffe, Häusle baue“, sagt der Schwabe.

00:32:07: Müssen wir jetzt den Herbst abschaffen oder dein Denken ändern?

00:32:10: Ja, das Denken ändern.

00:32:11: Weil, du könntest wie die Zugvögel der Sonne hinterherfliegen.

00:32:15: Dann hättest du ewig Sommer. Warum machst du das nicht?

00:32:19: Ja, das habe ich auch schon probiert, als ich gedacht habe:

00:32:22: Ach, dann machen wir einfach im November …

00:32:24: gehen wir wandern auf Teneriffa. War auch cool, hat kurz geholfen, aber

00:32:29: es war einfach nur ein Schlagloch umgangen, um das andere dann zu nehmen.

00:32:34: Um dann hier bei Schneeregen wieder anzukommen. Schade.

00:32:40: Ja, da müsste man wahrscheinlich einfach sagen: Das ist jetzt die Zeit,

00:32:45: wo man nichts verpasst oder weniger verpasst.

00:32:48: Es sind nicht jeden Tag irgendwo Sommerfeste

00:32:50: und Grillabende, sondern man könnte mal

00:32:54: mit der Decke auf dem Sofa sitzen und sagen:

00:32:58: Jetzt ist der Moment, wo man mal in Ruhe nichts machen kann.

00:33:03: Dein Problem ist, glaube ich, vielen Menschen bekannt,

00:33:08: mindestens mir ist das bekannt. Und

00:33:14: diese Angst, zu kurz zu kommen, zu verpassen,

00:33:18: aber gleichzeitig die Angst, keine Kraft mehr zu haben, dann wie

00:33:23: zerbrochen im Herbst in irgendeinem Loch zu hocken.

00:33:27: Das kennen wahrscheinlich viele. Viele von uns sind gehetzt oder Getriebene

00:33:32: der eigenen Ideen, der eigenen Vorstellung.

00:33:34: Wie du das vorher gesagt hast: In deinem Kopf gibt

00:33:38: es eine Vorstellung, was du alles zu tun hast.

00:33:42: Ja.

00:33:44: Und wie kriege ich dich jetzt da elegant raus?

00:33:50: Solange du also so denkst, haben wir gesagt,

00:33:54: wirst du immer wieder gegen eine Wand laufen, wie du das gesagt hast.

00:34:00: Ja.

00:34:03: Kann man also mehr erleben, als man erlebt?

00:34:08: – Nee. – Wie kann man dann mehr erleben?

00:34:18: Die Kunst ist wahrscheinlich, den Moment bewusst im Hier und Jetzt …

00:34:22: also nicht immer so schon wieder beim Nächsten sein,

00:34:26: sondern erst mal einfach hier.

00:34:28: Die Lösung hast du ja skizziert, schon früh in der Sitzung,

00:34:31: aber du weißt noch nicht, wie du da hinkommst.

00:34:34: Und ich weiß nicht, ob du das auch gemacht hast als Kind –

00:34:38: manchmal mache ich das sogar heute noch: Ich gehe in den Regen,

00:34:41: und dann versuche ich, dem einen Regentropfen davonzulaufen,

00:34:46: und dann renne ich aber gleichzeitig in die Tropfen,

00:34:49: die runterfallen würden, ohne mich zu berühren.

00:34:51: Ja.

00:34:52: Und das ist eine interessante Frage in der Physik: Wird man nasser,

00:34:56: wenn man schnell durch den Regen rennt oder langsam geht?

00:35:00: Kommt aufs Gleiche raus. Und wenn du jetzt durch dein Leben hetzt?

00:35:06: Ja, das Bild, ja.

00:35:08: Und, was passiert dann bei dir?

00:35:12: Ich bin halt gehetzt, aber trotzdem nass.

00:35:17: Ja, ne? Verstehst du, irgendwie, da stimmt was nicht.

00:35:22: Und jetzt besteht also eine bestimmte Form der Täuschung darin,

00:35:27: dass man mehr erleben könnte, als man kann.

00:35:32: Ja.

00:35:34: Man kann nicht gleichzeitig am Strand liegen und die Bergwanderung machen.

00:35:40: Geht nicht. Und jetzt pass auf: Wie könntest du die Nuss knacken?

00:35:45: Hast du irgendeine Idee?

00:35:47: Weil der gierige Mensch … also jetzt in dem Fall, du bist keine gierige Frau.

00:35:53: Ich kenne dich, du bist eine großherzige Frau, du hast die Kinder,

00:35:57: und ich weiß gut über die Bescheid. Das ist das Gegenteil von Gier.

00:36:03: Aber diese Lebensangst, etwas zu verpassen und so weiter, ist ja

00:36:10: eine Form von Gier. Und die Lösung ist frappierend.

00:36:14: Die Lösung heißt: freiwilliger Verzicht.

00:36:19: Im Moment fühlst du dich gezwungen zu verzichten,

00:36:24: – wenn du Pause machst. – Ja.

00:36:27: Aber wenn du freiwillig verzichten würdest …

00:36:33: Das wäre befreiend.

00:36:35: Freiwillig ist befreiend.

00:36:38: Das heißt: Muss ich verzichten, oder möchte ich verzichten,

00:36:42: um etwas anderes zu bekommen, nämlich meine Kraft zurück, mich zu erholen?

00:36:48: Ja, ich möchte.

00:36:49: Als ich 19 Jahre alt war, junger Sportler, 17, 18,

00:36:53: 19, war ich ganz gut. War ein ganz guter Läufer.

00:36:57: Und ich war dann im bayerischen Kader, im deutschen Bundeskader und solches Zeug.

00:37:03: Und ich war so beseelt von der Idee, dass ich

00:37:07: zur Europameisterschaft, Weltmeisterschaft, Olympia fahre und so.

00:37:11: Und dann hat der Trainer mir einen Trainingsplan geschrieben,

00:37:17: und an manchen Tagen stand nur einmal Training drauf.

00:37:19: Mhm.

00:37:20: – Weißt du, was ich gemacht habe? – Noch mal trainiert?

00:37:23: Ich habe heimlich trainiert. Manchmal vor der Schule,

00:37:27: manchmal am Wochenende zweimal gelaufen, manchmal sogar dreimal gelaufen.

00:37:31: Ich habe gelesen, Kenianer laufen dreimal.

00:37:34: Dann dachte ich, das muss ich auch machen. Und weißt du, was dann passiert ist?

00:37:38: Du hast dich verletzt?

00:37:40: Ja, ich bin müde geworden. Weil ich müde wurde, habe ich noch mehr trainiert.

00:37:46: Ich dachte, ja, Müdigkeit ist was für Schwächlinge, ich muss noch mehr machen.

00:37:52: Dann kommt man schnell in diesen Übertrainingszustand.

00:37:55: Und dann hat der Trainer mir erklärt, dass die Pause so wichtig ist wie der

00:38:00: Dauerlauf. Er hat gesagt, wenn er Pause reinschreibt, soll ich gefälligst

00:38:03: Pause machen, weil ich ohne Pause nicht wieder trainieren könnte.

00:38:07: Das heißt, ich musste damals auch lernen, auf mein Training zu verzichten.

00:38:13: Es hat mich wirklich was gekostet, nichts zu tun.

00:38:17: Und dieser freiwillige Verzicht ist ein Bestandteil von Mut.

00:38:24: Zum Beispiel: Ich wünschte, ich könnte mehr erleben, oder:

00:38:28: Ich muss mehr erleben. Wie ist dein Gedanke im Moment noch?

00:38:32: Ich muss.

00:38:33: Und wer muss, kann ja nicht mehr verzichten.

00:38:40: Er muss kriegen, er muss erreichen, er muss leisten.

00:38:44: Und wenn du noch deinen eigenen Selbstwert daran geknüpft hast,

00:38:49: dass du nur wertvoll bist, wenn du leistest,

00:38:51: dann ist Nichtstun für dich wie Ertrinken.

00:38:55: Ja.

00:38:56: Man sagt ja auch so: Mut zur Lücke. Und der fehlt mir.

00:39:00: Also, wo ich sonst so mutig bin, aber der Mut zur Lücke ist nicht so ausgeprägt.

00:39:06: – Kann man sagen: noch nicht? – Ja, noch nicht.

00:39:09: Weil?

00:39:12: Da du eine clevere Frau bist, könntest du ja auch das noch lernen.

00:39:18: Ja. Stimmt, ja.

00:39:20: Alt genug bist du ja.

00:39:22: – Genau, optimistisch, das zu verbessern. – Ja.

00:39:28: Jetzt verwandeln wir also diesen Imperativ, „Ich muss erleben,

00:39:32: ich darf nichts verpassen“. „Ich darf nichts verpassen“ ist,

00:39:36: wenn man es umdreht: „Ich muss mehr erleben.“

00:39:39: Ja, und „darf nicht“ ist das Gleiche wie „muss“.

00:39:44: Man darf nicht stehlen, das heißt, man muss

00:39:50: die Dinge an ihrem Platz lassen.

00:39:52: Man darf sie nicht einfach wegnehmen. Und jetzt, wenn man sagt:

00:39:58: „Ich muss alles erleben, ich darf nichts verpassen“ –

00:40:01: ist der Gedanke realistisch oder Quatsch?

00:40:04: – Es ist Quatsch. – Warum ist er unrealistisch?

00:40:08: Man kann nie alles erleben.

00:40:10: Man hat ja nur einen Körper.

00:40:12: Und gibt es irgendwie eine Tablette von Ratiopharm, „Erlebe alles“?

00:40:17: So versprechen das manche Händler am Stuttgarter Bahnhof.

00:40:20: Das habe ich noch nicht ausprobiert.

00:40:23: Erlebt man dann alles oder nur irgendeine Art von Rauschzustand?

00:40:29: Ja.

00:40:30: Das heißt, unser Geist ist irgendwie begrenzt.

00:40:33: Und wenn wir jetzt aus diesem Muss ein „Ich wünschte“ machen:

00:40:38: Ich wünschte, ich könnte noch viel mehr erleben.

00:40:42: Was ist dann die traurige Wahrheit, die etwas schmerzende, wehmütige Wahrheit?

00:40:49: Ja, die Erkenntnis, dass es halt ein Wunsch ist,

00:40:51: aber nicht jeder Wunsch geht in Erfüllung.

00:40:53: Aha, vor allem dieser nicht. Warum geht der spezielle nicht in Erfüllung?

00:40:58: Ja, weil es unmöglich ist.

00:40:59: Ach so. Und wenn du deinen Geist auf eine Unmöglichkeit richtest?

00:41:04: Ein bisschen doof, ja.

00:41:05: Dann muss man vor Erschöpfung fast zusammenbrechen. Stimmt's?

00:41:09: Ja, richtig.

00:41:11: Wenn der Wunsch also gar nicht in Erfüllung gehen kann,

00:41:15: muss er dann in Erfüllung gehen?

00:41:16: Dann kann man ihn …

00:41:17: – Dann kann man ihn loslassen, stimmt's? – Ja.

00:41:21: Was wäre dann ein sinnvoller Wunsch?

00:41:25: Einer, den du erfüllen kannst?

00:41:30: Die Dinge, die möglich sind zu erleben.

00:41:34: Zum Beispiel, ja.

00:41:39: Aber dann rennst du wieder allen Möglichkeiten hinterher.

00:41:43: Was wäre wohl möglich?

00:41:45: Was wäre denn ein Wunsch, der dir guttut, der dir weiterhilft?

00:41:49: Ruhe beziehungsweise Zufriedenheit?

00:41:55: Ich wünschte, ich könnte wie mein Mann freiwillig auf manche Option verzichten.

00:42:03: Ja, richtig.

00:42:05: Das wäre ein guter Wunsch, ja. Könntest du auch den erfüllen?

00:42:10: Ja, denke ich schon.

00:42:11: Was kostet es dich also?

00:42:15: Man muss nur in dem Moment das Erkennen, die Erkenntnis haben und dann loslassen.

00:42:22: Freiwillig verzichten.

00:42:26: Also: Ich wünschte, ich könnte auf manches freiwillig verzichten.

00:42:30: Im Moment fällt mir das noch schwer, weil mein Wert noch davon abhängt,

00:42:35: dass ich etwas leiste. Diese Nuss wollen wir

00:42:40: auch noch kurz knacken – hast du noch ein paar Minuten?

00:42:44: Ja, ja.

00:42:44: Weil das ist der Kern der Störung.

00:42:47: Und wenn wir den unbehandelt lassen, dann wäre das schade. Ja?

00:42:53: Kleine Babys leisten ja nichts, stimmt's?

00:42:56: Richtig.

00:42:57: Und klatschst du die an die Wand oder lässt du die leben?

00:43:01: – Die lasse ich leben. – Wieso?

00:43:05: Ja, man hat keine Anforderungen an die.

00:43:07: Die sind gut, wie sie sind, ohne dass sie was leisten müssen.

00:43:13: Ja, da ist der Anspruch dann ein anderer, den man sich selber …

00:43:16: – Welchen Anspruch hast du eigentlich? – Also …

00:43:21: – Ich muss leisten. – Um?

00:43:27: Um zu genügen.

00:43:28: Und ein alter Mensch im Altenheim, 98.

00:43:34: Der hat fertig geleistet. Der leistet nichts mehr.

00:43:36: Sollen wir den an die Wand klatschen?

00:43:39: Der darf sich jetzt ausruhen.

00:43:40: Wieso darf der sich ausruhen? Wieso erst der? Wieso muss man erst so alt werden?

00:43:46: Das ist eine gute Frage.

00:43:47: Und ich, jetzt mit 52: Darf ich mich ausruhen, oder muss ich leisten?

00:43:52: Bin ich in deiner Betrachtung, wenn ich Pause mache, wertlos?

00:43:57: Anderen gegenüber bin ich da nicht so.

00:44:00: Warum bist du anderen gegenüber freundlich und dir gegenüber nicht?

00:44:03: Das ist eine gute Frage.

00:44:06: Ja. Jetzt braucht man nur noch eine gute Antwort.

00:44:11: Also, ich kann das ziemlich elegant lösen.

00:44:14: Wenn du möchtest, dann erkläre ich dir ein bisschen was,

00:44:17: weil das geht dann schneller, als wenn ich es dir aus der Nase ziehe.

00:44:22: Ja.

00:44:23: Im deutschen Grundgesetz zum Beispiel steht:

00:44:26: Die Würde des Menschen ist unantastbar.

00:44:28: Hast du dir schon mal über die Würde Gedanken gemacht? Weißt du, was das ist?

00:44:35: Ich bin jetzt keine Philosophin,

00:44:37: ich könnte es wahrscheinlich nicht so schön in Worte kleiden.

00:44:40: Ich bin auch kein Philosoph, aber ich habe mir

00:44:43: darüber Gedanken gemacht, was die Würde ist.

00:44:46: Und die kleinen Babys klatschen wir nur aus einem einzigen

00:44:51: Grund nicht an die Wand: weil sie eine Würde haben.

00:44:56: Sie leisten noch nichts, aber wir lassen sie leben. Warum?

00:45:02: Weil sie einfach so genügen.

00:45:04: Und die alten Menschen?

00:45:07: Die genügen auch einfach so.

00:45:08: Und jetzt: Wie tastet man die Würde eines Menschen dann an?

00:45:12: Was heißt das? Die Würde ist unantastbar. Und wie tastet man sie dann an?

00:45:18: Wie entwürdigt man jemanden?

00:45:22: Wenn man über die Grenzen … seine persönlichen Grenzen …

00:45:25: Wenn man an seine Existenz eine Bedingung diktiert.

00:45:29: Und du hast deiner Existenz eine Bedingung diktiert. Und weißt du, wie die heißt?

00:45:37: Leiste etwas, sonst bist du …

00:45:42: Nicht würdig, ja.

00:45:44: Und ist das gesund, oder ist das irgendwie das Tor zur Hölle?

00:45:48: Ja, das ist ungesund auf jeden Fall.

00:45:50: Im Dritten Reich hat man so

00:45:53: die Menschen entwürdigt. Man hat sie vernichtet: die Unnützen,

00:45:58: die Kranken, die Alten, ja, die Andersdenkenden.

00:46:02: Man hat sie würdelos behandelt. Das hat man erst nach dem

00:46:08: Ende erkannt. Dann hat man 19… – ich weiß nicht ganz genau,

00:46:13: 51 oder wann das Grundgesetz geschrieben wurde –

00:46:17: das an die erste Stelle gesetzt, weil man

00:46:20: das nicht mehr tun wollte: die Existenz an irgendetwas knüpfen.

00:46:29: Ich lade dich ein, darüber nachzudenken,

00:46:34: ob du auch ohne Leistung genug bist und auch Würde besitzt.

00:46:40: Und wenn du zu anderen freundlich bist,

00:46:43: weißt du, zu wem du das auch sein könntest?

00:46:45: Zu mir selber.

00:46:46: Dann berühren wir diesen Jesus Christus.

00:46:49: Ich bin kein gläubiger Mensch, aber der hat das erklärt:

00:46:54: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst.

00:46:56: Und da du dich selbst nicht liebst, was könnte man daraus ableiten?

00:47:01: Ja, dass man dann auch die anderen nicht liebt.

00:47:04: Das heißt, du bist irgendwie zu den anderen so eine Art scheinfreundlich.

00:47:12: Ja.

00:47:12: So hat der Professor damals zu mir gesagt:

00:47:16: „Herr Holzinger, Sie sind ziemlich arrogant.“

00:47:19: Ich habe gesagt: „Wieso?“ Und dann hat er gesagt: „Weil Sie sich überhöhen.

00:47:24: Sie verlangen von sich mehr als von anderen.“

00:47:26: Aha.

00:47:27: Dann bin ich erschrocken in meinem Inneren.

00:47:30: Hat mir wehgetan. Ich wollte das nicht. Dann habe ich gedacht:

00:47:34: Das ändere ich. Ich bin zu mir ab jetzt auch freundlich.

00:47:38: Ja.

00:47:39: Weil, warum sollte ich nur zu mir nicht so sein?

00:47:41: Ja.

00:47:45: Jetzt habe ich dir das so ein bisschen reingepredigt wie so ein Pfarrer,

00:47:50: aber wie fühlt sich das an, wenn du das in deinem Kopf einmal durchdenken magst?

00:47:59: Ja, fühlt sich gut an. Also für mich war bisher, wenn ich gesagt habe,

00:48:03: ich bin jetzt zu mir freundlich, dieses Thema: Ich

00:48:07: bin freundlich zu mir, wenn ich jetzt auf die Ernährung achte und wenn ich

00:48:11: Sport mache, also wenn ich dann aktiv was für mich mache.

00:48:14: Aber dass man eben diese Selbstfürsorge auch anders sehen kann,

00:48:17: dass man sagen kann: Man kann auch einfach mal die Akzeptanz,

00:48:20: Selbstakzeptanz … und sagen, es ist auch

00:48:23: im Unperfekten oder im Inaktiven, im entspannten Zustand liegt auch die Würde.

00:48:32: Den Begriff fand ich jetzt ganz spannend.

00:48:37: Gut. Jetzt habe ich gerade ein bisschen gepredigt über

00:48:42: die Würde und den Wert eines Menschen.

00:48:45: Und wenn du dich so abhängig machst von der Leistung, dann musst du

00:48:50: immer fürchten, nichts zu tun.

00:48:53: Das heißt, du bist dann deine eigene Sklaventreiberin.

00:48:58: Und jetzt habe ich dich ja gerade gefragt: Wenn du so denken würdest wie ich,

00:49:02: wenn du dich so freundlich behandeln würdest wie die anderen –

00:49:08: wie fühlt sich das für dich an? Was nimmst du aus den Gedanken mit?

00:49:14: Ja.

00:49:17: Ich finde den Gedanken befreiend, dass Selbstfürsorge –

00:49:21: oder wenn ich jetzt sage, ich bin gut zu mir selber –

00:49:24: nicht automatisch heißt, ich muss dann auch wieder aktiv was für mich tun

00:49:30: und Yoga machen, meditieren oder so, sondern dass man einfach sagt:

00:49:34: Ich habe auch die Würde im absoluten Nichtstun. Also, ja.

00:49:40: Hast du schon mal versucht, wirklich nichts zu tun?

00:49:46: Also wenn dein Mann das mit der … wie hast du das gesagt, White Box?

00:49:50: – Empty Box. – Empty Box. Wenn dein Mann das kann …

00:49:55: Ich habe mal versucht zu googeln, wo man die bestellt.

00:49:59: Wenn er das kann, sich leeren, dann hat er wahrscheinlich eine

00:50:04: Meisterschaft erreicht. Ich weiß es nicht. Ich übe seit 20 Jahren.

00:50:09: Es ist sehr anstrengend, nichts zu tun.

00:50:15: Weil Nichtstun auch Tun ist.

00:50:18: Echtes Nichtstun: nicht zu denken, nicht irgendwas zu wollen, nicht

00:50:25: irgendetwas hinterherzurennen, sondern einfach präsent sein.

00:50:31: Im Augenblick. Das ist verrückterweise total aktiv.

00:50:35: Und weißt du, was dann für ein verrücktes Erlebnis entsteht?

00:50:40: Das Erlebnis, gelebt zu haben.

00:50:45: Die Angst verschwindet in diesem Augenblick.

00:50:49: Wenn man präsent ist, dann hat man das Leben so nah wie nie.

00:50:55: Wenn du hinterherrennst, rennst du deiner Vorstellung hinterher.

00:51:00: Du lebst nicht, sondern du

00:51:02: arbeitest auf irgendetwas hin. Und dann rennst du und rennst und rennst,

00:51:07: und du verpasst jeden einzelnen Augenblick, den du aber hättest

00:51:10: haben können.

00:51:11: Ja.

00:51:12: Dann kommst du ins Loch. Du suchst an der falschen Stelle.

00:51:17: Ja, das stimmt.

00:51:18: Das Glück liegt nicht in irgendeiner ominösen Zukunft.

00:51:23: Dein gutes Gefühl hängt nicht davon ab, was du tust,

00:51:26: sondern ob du im Augenblick präsent bist.

00:51:30: Wenn es dir gelingt, einen Augenblick in deinem Leben präsent zu sein,

00:51:36: hast du gelebt für alle Zeit. Dann gibt es nichts mehr zu erleben.

00:51:41: Das ist jetzt eine Behauptung, die ich mache.

00:51:44: Die solltest du mir nicht glauben, die muss man nachprüfen.

00:51:49: Aber sie wäre für dich eine paradoxe Intervention, wenn du anfangen würdest,

00:51:57: dich mit dieser Frage zu beschäftigen, ob das eventuell wahr ist, was ich sage.

00:52:02: Dann hätte dein Geist eine neue Richtung. Dann

00:52:05: würde Nichtstun zu einem Experimentierfeld für dich,

00:52:09: bei dem du Dinge erlebst, die du bei der Hetze nicht bekommst.

00:52:14: Ja. Vielleicht machst du das zu deinem gesunden Ersatz, wer weiß.

00:52:24: Das klingt sehr gut.

00:52:32: Wenn wir wollen, können wir diesen heißen Stuhl hier an dieser Stelle beenden.

00:52:37: Magst du noch was loswerden?

00:52:40: Wie war das für dich jetzt, die Aufregung?

00:52:43: Es war gut, ja. Also zu meistern, die Aufregung, ja, das …

00:52:48: Ich war auch gespannt, so auf … ja, wie der Ritt sozusagen verlaufen wird.

00:52:53: Und doch ein bisschen überrascht auch.

00:52:55: Was hat dich überrascht?

00:53:04: Ja, dass dieses … den Moment bewusst wahrnehmen,

00:53:08: weil ich schon immer davon ausgegangen bin:

00:53:12: Ich lebe ja bewusst, also ich stürze mich ja in alles rein und bin total bewusst da.

00:53:16: Aber mir ist jetzt schon auch klar geworden,

00:53:18: dass ich mit einer Gehirnhälfte schon wieder das nächste Ziel

00:53:22: am Verfolgen bin. Also, dass alles zielgerichtet ist. Und nicht so …

00:53:29: einfach mal lassen, sein lassen. Und dass das auch,

00:53:32: wie du sagst, eine ganze Welt eröffnen kann, dieses Sein-Lassen.

00:53:38: Soll ich dir noch ein kleines Geschenk machen?

00:53:40: Ja.

00:53:41: Geschenk ist immer gut.

00:53:43: Ich denke, die Hörer, die bis zum Schluss durchgehalten haben,

00:53:48: die wollen ja auch noch ein Geschenk.

00:53:50: Es gibt mindestens zwei Formen der Motivation.

00:53:53: Wir könnten deine ergänzen: Du bist zielmotiviert.

00:53:56: Ein Ziel motiviert dich: der Berggipfel,

00:54:04: ich weiß nicht, irgendeine sportliche Figur oder irgendetwas, ein Business

00:54:10: Case, Umsatzzahlen, weiß der Teufel, was dich motiviert, irgendein Ziel.

00:54:15: Und weißt du, dass es Leute gibt, die wie du behaupten, nur das Ziel ist das Ziel?

00:54:21: Und die andere Hälfte, manche Menschen, behaupten: Der Weg ist das Ziel.

00:54:26: Und weißt du, was ich früher nie kapiert habe?

00:54:29: Wie der Weg das Ziel sein soll. Ich habe gedacht, die sind krank. Was erzählen die?

00:54:35: Ich fand den Weg zum Ziel lästig.

00:54:39: Ich wollte direkt ans Ziel, Meister werden.

00:54:45: Wieso muss ich 13 Jahre absitzen, warum kann ich das nicht gleich?

00:54:51: Und die Zielmotivierten, die vergessen den Weg.

00:54:57: Wenn man das modern ausdrückt, dann wäre der Weg die Prozessmotivation,

00:55:04: nennt man das. Wenn man schon während des Tuns Spaß hat,

00:55:11: dann ist das Ziel eine Sache, aber der Weg wird auch interessant.

00:55:18: Wenn du zum Beispiel das Ziel hättest, ruhig zu werden,

00:55:24: dich zu erholen … dann ist der Weg dorthin für dich nervig.

00:55:29: Du bist, während du ruhig werden willst, unruhig.

00:55:34: Das dauert dir zu lang, und dann hockst du auf der Terrasse und siehst das Unkraut.

00:55:40: Ach, das ist ein neues Ziel. Das heißt, um dir zu helfen,

00:55:46: musst du den Prozess auch so ernst nehmen wie das Ziel selbst.

00:55:53: Ich muss quasi die Unruhe genießen lernen und sagen:

00:55:58: Okay, das ist die Unruhe, die war da, die darf

00:56:01: da sein, die wird dann gleich weniger, wahrscheinlich.

00:56:05: Das wäre paradoxe Intervention: die Unruhe nicht zu bekämpfen,

00:56:09: sondern sie sein zu lassen. Beobachte sie, ob sie lauter wird

00:56:13: oder leiser wird, ob sie bleibt, ob sie verschwindet. Wenn du das zum

00:56:21: Beobachtungsobjekt machst, kannst du schnell Spaß dabei haben, weil,

00:56:28: wenn man die eigene Unruhe beobachtet, ist es fast wie Fernsehgucken.

00:56:35: – Ja, das klingt gut. – Ja?

00:56:37: Also mach nicht nur das Ziel zum Ziel, sondern auch den Weg.

00:56:41: Ich danke dir ganz herzlich und wünsche dir heute einen erfolgreichen Tag.

00:56:47: Danke, dir auch. Vielen Dank.

00:56:50: So, das war wieder eine spannende und hoffentlich erkenntnisreiche Folge meines

00:56:55: Podcasts „Der heiße Stuhl“. Wenn es dir jetzt gefallen hat, dann hinterlass uns

00:57:00: doch unten in der Bio einen Kommentar, beziehungsweise teile und empfiehl unseren

00:57:05: Podcast natürlich allen deinen Freunden. Und wenn du uns persönlich einmal

00:57:10: kennenlernen willst, dann komm doch vorbei im Dr. Holzinger Institut. Und jetzt

00:57:17: freue ich mich natürlich vor allen Dingen darüber,

00:57:21: dass du meinen Podcast abonnierst.

00:57:23: Vielen Dank fürs Zuhören und bis ganz bald. Tschüss!

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