Warum schiebe ich Dinge auf, obwohl sie mir wichtig sind?
Shownotes
DER HEISSE STUHL – Echtes Coaching. Ohne Filter.
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Prokrastination #Perfektionismus #Coaching
Transkript anzeigen
00:00:00: Tu mir weh, bitte!
00:00:02: Herzlich willkommen zu Dr. Daniel Holzingers Podcast
00:00:06: „Der heiße Stuhl – Echtes Coaching ohne Filter“.
00:00:10: Dieser Podcast ist für alle gedacht,
00:00:12: die sich für Psychologie und den Kognitiven Ansatz interessieren,
00:00:16: aber natürlich auch für die, die manchmal das Gefühl haben,
00:00:20: festzustecken, und die vor allen Dingen wissen wollen,
00:00:24: wie sie ihr Leben durch die Kraft des eigenen Denkens verändern können.
00:00:30: In dieser Folge meines Podcasts ist Ariane zu Gast.
00:00:34: Ariane ist von Beruf Landschaftsarchitektin,
00:00:37: und sie hat ein interessantes Problem mitgebracht.
00:00:41: Es geht um die Frage, wie man zu Hause Ordnung halten kann.
00:00:47: Im Kern ein wichtiges Problem, weil es viele Menschen beschäftigt:
00:00:49: Aufschieberitis, Prokrastination, Vermeidungsverhalten.
00:00:52: Das sind die Überbegriffe von solch einem Problem.
00:00:58: Und wie wir diese Nuss knacken, erfährst du jetzt in der neuen
00:01:03: Folge von „Der heiße Stuhl – Echtes Coaching ohne Filter“.
00:01:08: Was ist das größte Problem,
00:01:10: das du in diesem heißen Stuhl mit mir lösen möchtest?
00:01:14: Ja, danke, dass ich hier sein darf.
00:01:16: Ich bin auf dich zugekommen, weil mich das Thema Loslassen beschäftigt.
00:01:19: Auf verschiedenen Ebenen, und das schon seit längerer Zeit.
00:01:22: Und worum geht es dir dabei? Welche Form des Loslassens beschäftigt dich da?
00:01:27: Also es sind verschiedene Ebenen.
00:01:29: Zum einen das Loslassen von Menschen, Beziehungen.
00:01:34: Aber vor allem das Loslassen von Dingen, Ballast abwerfen.
00:01:39: Wie stelle ich mir das vor? Was ist daran für dich schwierig oder anspruchsvoll?
00:01:46: Also manchmal fällt mir das einfach schwer, Ordnung zu halten.
00:01:51: Nicht, weil ich es nicht will, sondern weil ich mich dann schwer damit tue,
00:01:56: da Ordnung reinzubringen und die Dinge dann … ja, loszulassen.
00:02:01: Loslassen bedeutet ja eigentlich nur, zu entsorgen oder zu ordnen,
00:02:05: zu entscheiden. Und diese Entscheidungen fallen mir schwer.
00:02:08: Jetzt hast du ja die Lösung gerade schon angedacht. Einfach nur …
00:02:11: Was daran ist schwer für dich? Wo entsteht die Schwierigkeit?
00:02:19: Ja, die Schwierigkeit ist, dass ich es vom Kopf her alles weiß.
00:02:23: Ich habe ganz viele tolle Bücher im Regal stehen,
00:02:27: habe schon tolle Podcasts angehört.
00:02:29: Und ich sollte es wissen. Und ich kann es nicht umsetzen.
00:02:33: Und das ist eigentlich so, glaube ich, mein Thema: die Umsetzung.
00:02:36: Und wie fühlt sich das für dich an, dass du
00:02:39: es noch nicht umgesetzt hast, dass du vieles oder,
00:02:42: wie du sagst, alles weißt, aber es noch nicht umsetzt?
00:02:46: Es fühlt sich für mich schlecht an.
00:02:49: Jetzt ist „schlecht“ ja kein Gefühl. Schlecht ist eine Eigenschaft:
00:02:53: Es ist schlecht. Aber wie fühlst du dich? Ist das …
00:02:57: Geht das in Richtung Angst oder in Richtung Wut oder
00:03:02: in Richtung Verzweiflung oder Schuld oder Scham?
00:03:06: Gibt es irgendein Gefühl? Was ist hinter „schlecht“?
00:03:12: Ich würde sagen, das ist eine Mischung aus verschiedenen Gefühlen.
00:03:15: Also zum einen Ärger und Wut, dass ich es nicht hinkriege.
00:03:19: Und zum anderen aber auch Scham, weil ich denke: Mensch,
00:03:22: in meinem Alter sollte man das ja eigentlich schaffen,
00:03:24: seine Dinge zu ordnen.
00:03:26: Und ich möchte strukturiert sein.
00:03:29: Und jetzt, was ist dann aus deiner Sicht, wenn du das diagnostizierst,
00:03:33: der Hinderungsgrund? Warum hast du es noch nicht umgesetzt?
00:03:38: Momentan ist da irgendwie so ein Gefühl von Überforderung,
00:03:41: weil ich so viele Themen und Baustellen in meinem Kopf wälzen muss. Und
00:03:46: mich dabei verzettle, mich … zu viele Themen auf einmal
00:03:50: wälzen und bearbeiten möchte und dann
00:03:52: eigentlich keins von allen so richtig angehe.
00:03:54: Okay.
00:03:56: Und dieses Ausmisten, so im Leben, sagt man ja manchmal dazu, Ordnung schaffen.
00:04:01: Hast du jetzt gesagt, das geht einmal mit den Menschen,
00:04:06: die Menschen aus dem Leben zu kriegen, die einem nicht guttun.
00:04:09: Und das andere, hast du gesagt, das Ordnung halten. Haushalt, oder?
00:04:14: Ja, also es stapelt sich bei mir in verschiedenen Ecken und …
00:04:20: Ja, im Büro habe ich teilweise auch Stapel auf dem Schreibtisch. Und zu Hause
00:04:25: tue ich dann, wenn es zu viel wird, vieles in Kisten,
00:04:27: und dann stapeln sich die Kisten, und das ist für mich einfach sehr unbefriedigend.
00:04:33: Jetzt habe ich dich ja gefragt, wie du dich fühlst. Jetzt hast du gesagt,
00:04:37: also einmal Ärger und Wut, weil ich es nicht hinkriege, und was noch?
00:04:41: Scham ist auch da.
00:04:42: Also ich traue mich kaum, irgendjemanden zu mir in die Wohnung einzuladen,
00:04:46: weil ich denke, wenn die jetzt sehen, wie es da ausschaut …
00:04:49: Da fühle ich mich einfach unwohl.
00:04:51: Okay, gut. Das heißt, da ist in der Scham eine Form von Angst enthalten.
00:04:56: Könnte sein.
00:04:59: Ja, Angst vor Abwertung, dass der andere, der zu mir kommt,
00:05:03: entweder denkt oder vielleicht auch ausspricht:
00:05:05: „Mensch, wie sieht es denn bei dir aus?“
00:05:07: Das ist also eine Angst, die da mitschwingt, wenn ich mich nicht täusche.
00:05:11: Und dann gibt es offensichtlich noch eine andere Angst,
00:05:15: die ich dir jetzt nicht einreden möchte, sondern ich frage noch,
00:05:18: ob ich mich täusche oder richtig liege. Hast du eine Idee,
00:05:21: welche Angst noch da sein kann? Warum tust du das alte Zeug nicht weg?
00:05:27: Ja, weil ich da Angst habe, dass ich es vielleicht noch brauchen könnte.
00:05:31: Das ist so.
00:05:32: Oder auch Angst, … teilweise hängen da ja Erinnerungen dran, das dann loszulassen.
00:05:37: Dass ich es bereuen könnte später und so. „Brauche ich es noch?“,
00:05:41: „Bereue ich es?“ und so weiter.
00:05:43: Das ist auch eine Form von Angst, kann man so sagen, oder?
00:05:48: Jetzt, welches von den Gefühlen belastet dich am meisten? Dieser …
00:05:54: man könnte sagen, dieser schambesetzte Ärger auf dich,
00:05:57: also einmal „Warum kriege ich es nicht hin?“ und „Oh Gott,
00:06:00: was denken die anderen?“
00:06:03: Oder ist das die Angst: Wenn ich das wegwerfe,
00:06:06: vielleicht bräuchte ich es vielleicht noch?
00:06:10: Ich glaube, die Angst ist eher das,
00:06:12: was mich blockiert und hindert, die Sachen anzugehen.
00:06:15: Welche Angst? Dass du die Sache noch mal bräuchtest?
00:06:20: Ja.
00:06:21: Oder es gibt noch eine dritte Möglichkeit von Angst.
00:06:26: War das jetzt eine Frage?
00:06:28: Ja, ich will dir die Möglichkeit geben, selber zu überlegen, was noch hinkönnte.
00:06:37: Meistens kommt man ja nicht drauf, aber mindestens einmal möchte ich
00:06:42: dir die Chance geben nachzudenken, welche Angst noch da drinsteckt.
00:06:46: Also bei mir ist zum Beispiel auch noch ein ziemlich ausgeprägter Perfektionismus.
00:06:51: Ich weiß jetzt nicht, ob das das war, was du im Sinn hattest,
00:06:55: wo ich einfach dann schon, bevor ich anfange, Angst habe, dass ich irgendwas
00:06:59: falsch machen könnte oder dass ich es nicht so gut und perfekt hinkriege.
00:07:04: Ich hatte jetzt noch eine Idee, aber du hast ja dadurch,
00:07:07: dass ich dich gefragt habe, jetzt den Nagel auf den Kopf getroffen.
00:07:10: Wahrscheinlich den einen echten Nagel.
00:07:13: Aber was auch noch im Gepäck manchmal ist, bei manchen Menschen –
00:07:17: ich habe schon einigen geholfen, die mit solchen Problemen konfrontiert waren –,
00:07:23: ist eine verrückte Angst, die im Deutschen keinen Namen hat.
00:07:27: Die Amerikaner sagen „Discomfort Anxiety“: die Angst
00:07:31: vor dem Verlassen der Komfortzone.
00:07:34: Diesen Haufen wegzuräumen ist für sie so anspruchsvoll, so schwierig,
00:07:40: belastend, anstrengend, dass sie sagen: Nein,
00:07:42: da kann man gar nicht anfangen. Also dieses …
00:07:45: „Oh, was für eine Unordnung,
00:07:47: wo soll ich überhaupt anfangen?“ Dann kommt der Perfektionismus:
00:07:53: „Wie mache ich es richtig?“ Und dann: „Vielleicht brauche ich
00:07:55: es noch.“ Und wenn du wahrscheinlich das ganze Paket hast,
00:07:58: so wie es sich anhört – und dein Grinsen verrät dich fast –,
00:08:01: dann hast du natürlich eine dicke Nuss zu knacken.
00:08:05: Ja, das ist erstens eine sehr dicke Nuss und zweitens auch viele Nüsse.
00:08:12: Dann gehe ich jetzt noch mal zurück, wenn wir jetzt das ganze Bild haben:
00:08:17: Selbstärger, Scham, verschiedene Ängste.
00:08:19: Was davon lösen wir jetzt in dieser Sitzung?
00:08:25: Also ich würde gerne das Thema Ängste anschauen,
00:08:27: weil ich glaube, das ist eigentlich so der Knackpunkt.
00:08:29: Das hast du vorher schon gesagt, ich wollte es nur noch mal
00:08:32: aus deinem Mund hören. Und ich finde gut, dass du diesen Teil der Sache angehst.
00:08:41: Im Real Life würde ich dir empfehlen, alle Teile anzugehen, nacheinander.
00:08:46: Aber die Ängste sind wahrscheinlich die wahre Ursache dieser Blockade. Von daher
00:08:52: macht es Sinn, die jetzt direkt in dieser Sitzung in den Fokus zu nehmen.
00:08:57: Jetzt pass auf. Diese Frage ist sehr interessant: Wie müsstest du
00:09:01: dich denn fühlen, damit du anfangen kannst, obwohl du Angst hast?
00:09:07: Wahrscheinlich bräuchte ich eine ordentliche Portion Mut,
00:09:11: um da dranzugehen.
00:09:14: Mut oder Wut?
00:09:16: Nur, dass ich es akustisch richtig verstanden habe.
00:09:18: Ich hatte Mut mit M gemeint.
00:09:20: Aber Wut bringt natürlich auch viel Energie mit,
00:09:24: aber nicht so zielgerichtet.
00:09:24: So ist es. Und die Wut, die hast du ja schon,
00:09:27: und hat die dir jetzt geholfen?
00:09:30: Dass ich so lese …
00:09:31: Die ist die nächste Superblockade.
00:09:35: Aber Mut unterschreibe ich.
00:09:38: Und verrückterweise brauchen wir,
00:09:41: um diesen Mut anzugehen, ein paar seiner Schwestern.
00:09:48: Und wenn du Lust hast, dann werde ich dir im Verlauf der Sitzung zeigen,
00:09:54: was wir alles bräuchten, damit du dich quasi
00:09:58: todesmutig ins Getümmel stürzt und Ordnung schaffst.
00:10:03: Hast du Lust, dass wir einmal gemeinsam aus dir
00:10:06: eine Heldin machen, eine Alltagsheldin, die
00:10:09: diese Sache angeht?
00:10:11: Lass mich zur Alltagsheldin werden und Ordnung schaffen.
00:10:14: So hat mein Professor gesagt: Du musst ein Held werden, nicht einer,
00:10:18: der den Krieg gewinnt, sondern einer, der den Alltag besiegt.
00:10:23: Das reicht mir schon.
00:10:24: Mir reicht das auch. Da hat man schon genug zu tun. Also von daher,
00:10:28: einigen wir uns, dass wir uns mal angucken, wie wir das anstellen, okay?
00:10:33: Jetzt an der Stelle kommt immer so eine Geschichte, die geht ungefähr so: Zwei
00:10:39: Vertriebler stehen im Stau, beide machen heute kein Geschäft.
00:10:43: Bei beiden läuft der Termin davon, sie kommen zu spät.
00:10:46: Und der eine wird fuchsteufelswild,
00:10:47: haut den Kopf gegen sein Lenkrad, weil er wieder nichts verdient.
00:10:52: Der andere bleibt relativ gelassen und telefoniert,
00:10:55: versucht sein Möglichstes, aber als er erkennt, dass er nichts tun kann,
00:11:01: akzeptiert er die Lage. Wie kann es sein? Warum?
00:11:04: Sind zwei Menschen in derselben Lage, warum fühlen die sich nicht gleich?
00:11:08: Worauf kann man das zurückführen?
00:11:12: Also ich gehe mal ganz stark davon aus,
00:11:14: dass es einfach die Gedanken sind, die der eine oder andere hat.
00:11:17: Was denkt wohl der eine?
00:11:20: Ja, der so genervt ist, der regt sich halt megamäßig drüber auf,
00:11:24: über etwas, was er jetzt nicht ändern kann.
00:11:27: Und der andere, der akzeptiert es, wie du schon gesagt hast.
00:11:30: Gut. Ich würde so sagen: Der eine sagt, das kann ja wohl nicht wahr sein, obwohl
00:11:34: es mal so ist.
00:11:36: Und der andere akzeptiert die Wahrheit. Man kann so sagen,
00:11:39: der eine lebt im Widerstand zur Realität und der andere nicht.
00:11:45: Und das lässt sich auf die Denkweise zurückführen. Das hast du gut erkannt.
00:11:51: Wann hast du das letzte Mal zu Hause gesessen, gestanden
00:12:00: und dachtest: Hier sollte man mal wieder aufräumen?
00:12:03: Jeden Tag.
00:12:04: Und was läuft in diesem Augenblick durch deinen Kopf, um es wieder nicht zu tun?
00:12:12: Du meinst, was mich dann in dem Moment daran hindert?
00:12:15: Mit welchen Gedanken sabotierst du die gute Idee?
00:12:19: Also ich glaube, das ist vor allem, dass ich nicht weiß, wo ich anfangen soll,
00:12:24: weil es so viele Ecken sind, wo ich loslegen könnte.
00:12:26: Also die Menge, die blockiert mich. Wenn ich jetzt so eine Grundordnung hätte,
00:12:30: würde es mir viel einfacher fallen, da irgendwie Ordnung zu halten.
00:12:34: Und natürlich suchst du den Anfang.
00:12:37: Ja, und den finde ich nicht. Ich verliere mich dann in Sinnlosigkeiten.
00:12:42: Dann daddle ich auf dem Handy rum oder telefoniere mit jemandem.
00:12:46: Jetzt, solange du also denkst, du müsstest den Anfang finden,
00:12:50: und du findest ihn nicht, was wirst du nie tun?
00:12:54: Ich werde nicht anfangen.
00:12:56: Und damit du jetzt Ordnung in die Wohnung kriegst, müssen wir
00:13:01: – ich weiß nicht – teure Berater einkaufen oder dein Denken ändern?
00:13:08: Ich glaube, langfristig ist es günstiger und zielführender,
00:13:11: wenn ich selber die richtigen Gedanken habe.
00:13:13: Aber ich engagiere dich auch sehr gerne. Kannst du mal zu mir kommen?
00:13:16: Nee, das machen wir nicht. Aber ich habe nachher eine lustige
00:13:20: Hausaufgabe für dich, vielleicht eine, die dir helfen wird, mal sehen.
00:13:24: Aber einen blockierenden Gedanken haben wir jetzt schon entdeckt.
00:13:28: Gibt es noch andere Gedanken, die dich blockieren?
00:13:31: Also: „Wo ist der Anfang? Ich finde ihn nicht.“
00:13:35: Das ist eindeutig, dass dieser Gedanke dich blockiert, aber gibt es noch andere?
00:13:40: Und vorher hast du gesagt: „Was brauche ich noch? Was ist das Richtige?“
00:13:49: Vielleicht auch diesen Perfektionismus loszulassen.
00:13:52: Dass es völlig okay ist, wenn ich da
00:13:55: nicht alles gleich richtig sortiere oder dass ich vielleicht auch mal
00:13:59: was wegschmeiße, was ich dann zwei Wochen später doch brauchen könnte.
00:14:05: Weil du was befürchtest?
00:14:06: Dass ich eine falsche Entscheidung treffe beim Wegwerfen oder Entsorgen.
00:14:11: Und was erlaubst du dir also in diesen Augenblicken nicht?
00:14:16: Ich erlaube mir nicht, Fehler zu machen und eine falsche Entscheidung zu treffen.
00:14:20: Und solange du dir also nicht erlaubst,
00:14:22: solche Fehler zu machen und falsche Entscheidungen zu treffen, und
00:14:25: auf den Anfang wartest, den du schon wie lange nicht findest?
00:14:31: Schon sehr lange.
00:14:32: Wie wirst du dich in der Zukunft immer verhalten, wenn du weiter so denkst?
00:14:37: So wie die letzten Wochen, Monate, Jahre.
00:14:40: Gut, dann sollten wir uns jetzt überlegen, ob wir – wie gesagt –
00:14:50: eine praktische Lösung finden oder erst mal eine
00:14:52: geistig-mentale Lösung: dein Denken ändern.
00:14:56: Am liebsten beides.
00:14:57: Ja, genau. Aber wir machen das in der richtigen Reihenfolge:
00:15:01: zuerst dein Denken und dann Aufräumen, einverstanden?
00:15:04: Damit du eventuell anfangen kannst, dieses schwierige Problem zu lösen,
00:15:10: müssen wir vielleicht noch eine kleine Facette ansprechen, die
00:15:15: ich entdeckt habe, die viele Aufschieber quält,
00:15:18: weil das eine Form von Aufschieberitis ist.
00:15:21: Ja, Vermeidungsverhalten und so weiter.
00:15:23: Und dieser Teil, der viele Menschen, die mit solchen Problemen
00:15:29: konfrontiert sind, quält, ist eine Form von Hoffnung.
00:15:34: Ich weiß jetzt gerade nicht, auf welche Hoffnung du anspielst.
00:15:38: Ja, genau: dass es sich von alleine erledigt,
00:15:40: dass die göttliche Inspiration kommt, dass du eines Tages
00:15:44: erleuchtet bist und dann anfängst.
00:15:47: Ja, genau. Oder dass die Heinzelmännchen kommen.
00:15:50: Aber die haben dich verlassen. Das ist diese Hoffnung,
00:15:53: die immer wieder mitschwingt. Und damit du anfangen kannst,
00:15:57: müssen wir jetzt also diese Hoffnung loswerden
00:16:01: und dann die anderen Gedanken angehen. Leuchtet dir das ein?
00:16:06: Ja, das hört sich gut an.
00:16:08: Ich habe noch so eine Idee, was bei mir vielleicht auch noch mit reinspielt,
00:16:12: ist das Thema Nervensystem, dass ich einfach immer so eine
00:16:15: Grundanspannung habe.
00:16:17: Und wo kommt die her? Hast du das schon mal untersuchen lassen,
00:16:21: oder ist das nur etwas, das du jetzt beobachtest?
00:16:25: Also ich habe das seit einiger Zeit beobachtet, und ich denke,
00:16:28: das ist einfach so Dauerthema Stress, so unterschwellig.
00:16:32: So ein Grundrauschen.
00:16:33: Das nennt man dann wahrscheinlich generalisierte Angststörung, die sich
00:16:37: in deinem Körper verkörpert durch Nervosität, Unruhe, Anspannung.
00:16:44: Also als Angststörung wurde es jetzt nicht diagnostiziert.
00:16:48: So nennt sich das in den Manualen, aber man könnte einfach sagen, eine
00:16:54: generelle Angst: Man hat keinen konkreten Anlass,
00:16:58: aber man ist angespannt, als gäbe es eine Gefahr oder etwas Bedrohliches.
00:17:05: Und bist du irgendwie bedroht von irgendwas, oder bist du
00:17:09: dir selbst der Quälgeist? Ist das dein Perfektionismus, der dich quält?
00:17:13: Ja, also ich denke, das bin eher ich.
00:17:15: Also es gibt von außen jetzt gerade niemanden, der mir irgendwie Angst macht.
00:17:19: Gut, das habe ich auf der einen Seite befürchtet,
00:17:21: aber auf der anderen Seite ist das eine gute Nachricht, weil
00:17:25: dein Leben offensichtlich in Ordnung ist, aber du dir selbst Stress machst.
00:17:30: Das kann ich gut.
00:17:31: Und wenn du natürlich in einer Wohnung lebst, die deinen Ordnungsansprüchen
00:17:34: nicht genügt, dann hast du Dauerstress, weil du dauernd im inneren Clinch bist:
00:17:38: Wieso sieht es hier so aus, und warum räume ich nicht auf? Ich sollte doch …
00:17:43: Und dann findest du hundert Ausreden, um es eben doch nicht zu tun –
00:17:47: Handydaddeln hast du ja vorher schon gesagt –,
00:17:49: und dann hast du diese innere Anspannung
00:17:52: permanent.
00:17:54: Vielleicht wäre es gut, dass du tatsächlich anfängst aufzuräumen,
00:17:58: um dich einmal stolz zu fühlen,
00:18:02: dich von ganzem Herzen entspannen zu können, dass du eine Sache abgehakt hast.
00:18:07: Ja, also ich glaube, da hätte ich wirklich schon sehr viel gewonnen,
00:18:10: wenn ich das mal irgendwann hinbekomme.
00:18:12: Gut, jetzt pass auf.
00:18:14: Du hast gesagt, du leidest schon mehrere Jahre unter diesem Zustand.
00:18:20: Wahrscheinlich bist du so aufgewachsen mit diesem …
00:18:24: mit der Unordnung, oder war das früher schon mal besser?
00:18:28: Also es war früher wesentlich besser, vor allem als ich in die
00:18:31: Wohnung eingezogen bin. Da hatte ich natürlich nicht ganz so viele Sachen,
00:18:35: weil sich das im Laufe der Zeit dann vermehrt hat.
00:18:38: Und ich kann mich aber auch daran erinnern, dass früher schon als Kind
00:18:41: meine Mutter immer gesagt hat: „Ariane, jetzt räum mal dein Zimmer auf.“
00:18:44: Und das ist für mich eher immer so was negativ Behaftetes gewesen,
00:18:47: obwohl die Ordnung selbst mir wichtig ist.
00:18:50: Also bei Freundinnen habe ich sehr gerne aufgeräumt und Ordnung geschaffen.
00:18:54: Es ist mir nicht fremd.
00:18:56: Wieso tust du das für die Freundin?
00:18:57: Dann magst du vielleicht bei mir auch aufräumen.
00:19:00: Ja, das ist ja das, was ich nicht verstehe.
00:19:02: Also wenn ich jetzt von Grund auf ein unordentlicher Mensch wäre,
00:19:04: dann würde es mir wahrscheinlich auch leichter fallen,
00:19:06: das einfach zu akzeptieren.
00:19:08: Du bist ja vom Beruf auch auf die Ordnung aus, soweit ich das weiß.
00:19:12: Ja, also ich bin ja Landschaftsarchitektin und strukturiert
00:19:15: und habe auch in der Projektleitung gearbeitet,
00:19:17: und da ist es ja auch wichtig, einfach die Dinge geordnet zu haben.
00:19:21: Aber da hilft dir der soziale Druck wahrscheinlich.
00:19:24: Und zu Hause, da kannst du ein bisschen lockerer sein, und dann gönnst du
00:19:30: dir dort die Dinge, die du dir im sozialen Umfeld nicht leisten kannst.
00:19:35: Ja, oder ich komme manchmal auch einfach erledigt von der Arbeit nach Hause,
00:19:39: bin erschöpft und habe dann keine Energie mehr,
00:19:42: – die Sachen anzugehen. – Das verstehe ich, ja.
00:19:44: Jetzt, um dir zu helfen, müssen wir mal diese Gedanken angucken. Vielleicht diese
00:19:51: Hoffnung – du hast es ja selber nicht ausgesprochen,
00:19:54: aber als ich es dir vorgeschlagen habe,
00:19:57: bist du in so eine Art Resonanz gegangen, stimmt's?, sag ich jetzt mal.
00:20:01: Ist das so, oder habe ich mir das zusammenfantasiert,
00:20:04: dass die Heinzelmännchen kommen?
00:20:07: Ja, also natürlich wäre es mir lieb, dass ein Wunder geschieht und ich
00:20:11: wache morgens auf und meine Wohnung ist genauso, wie ich sie mir wünsche.
00:20:15: Gut, das wäre mir auch lieb, aber nur weil du das gerne hättest,
00:20:18: was wird daraus höchstwahrscheinlich niemals folgen?
00:20:21: Nicht Realität werden.
00:20:23: Leben Heinzelmännchen in echt oder nur im ZDF als Mainzelmännchen?
00:20:29: Gibt es leider nicht in Stuttgart.
00:20:31: Wenn es sie gibt, sind sie in Mainz, aber dort gibt es auch keine.
00:20:38: Wenn du also weiterhin darauf hoffst, dass ein Wunder geschieht,
00:20:41: wird sich dann dein Leben ändern oder nicht?
00:20:45: Nee, durch Hoffnung ändert sich leider nichts.
00:20:49: Das heißt, wir sollten jetzt einmal diese Hoffnungskerze ausblasen
00:20:53: und uns dann dem Machbaren zuwenden. Hast du Lust, das zu tun?
00:20:58: – Ja, deswegen bin ich hier. – Gut.
00:21:01: Jetzt hast du ja vorher gesagt, dass dein Perfektionismus dich auch
00:21:09: am Aufräumen hindert, dass du nicht weißt, wo der Anfang ist und
00:21:13: was du überhaupt noch brauchst und was überhaupt weg kann usw.
00:21:17: Wenn wir einmal diese Gedanken auch einmal so angucken wie die Hoffnung,
00:21:23: dann müsste man sich fast fragen: Wo hat sich eigentlich der Anfang versteckt?
00:21:29: Du meinst der Anfang vom Chaos?
00:21:31: – Vom Aufräumen. – Ach so.
00:21:35: – Weil du suchst den Anfang. – Ja.
00:21:37: Und da du ihn suchst … Siehst du, jetzt lachst du selber schon. Warum?
00:21:41: Ja, weil ich überall anfangen kann. Hauptsache, ich fange an.
00:21:44: Ach so, aber was behauptest du
00:21:47: als Perfektionistin?
00:21:48: Weil ich muss ja erst wissen, wo es losgeht.
00:21:51: Solange du diesen Denkfehler machst, wirst du nie anfangen.
00:21:58: Also solltest du den Anfang suchen oder diese
00:22:02: Art des Suchens aufgeben wie die Hoffnung?
00:22:07: Aufgeben. Und einfach loslegen und machen.
00:22:10: Das wäre der nächste Schritt, um dich ins Tun zu kriegen.
00:22:14: Und wenn man diesen Schritt noch mal durchdenkt,
00:22:17: warum wäre das jetzt also sinnvoll,
00:22:19: einfach anzufangen, egal wo?
00:22:23: Damit ein Anfang gemacht ist und ich dann weiß, wo ich weitermachen kann.
00:22:28: Dann hättest du ihn zwar nicht gefunden, aber ihn festgelegt, ihn definiert.
00:22:31: Also: Ich fange jetzt in der Küche an oder ich fange jetzt
00:22:34: im Wohnzimmer am Esstisch an oder ich weiß nicht wo.
00:22:38: Das heißt, die Idee, den Anfang zu suchen – wenn man die hat,
00:22:42: hat man endlose Möglichkeiten, eine Ausrede, sich selbst in die
00:22:47: Tasche zu lügen.
00:22:50: Hört sich schlüssig an.
00:22:51: Ja, weil: „Ich konnte nicht anfangen, ich habe den Anfang nicht gefunden.“
00:22:56: Aber wenn man sich neugierig fragt: Wo hat er sich versteckt? Was sagt man dann?
00:23:04: Ja, ich kann nicht anfangen, weil der Anfang nicht da ist.
00:23:07: Also wie beim Wollknäuel, wo irgendwo drin der Anfang steckt,
00:23:10: und ich ziehe dann halt irgendwo was raus.
00:23:12: Schnallst du? So weit?
00:23:16: Gut, ich lache dich nicht aus, ich lache nur,
00:23:20: weil du jetzt so nett geguckt hast und vielleicht den Witz
00:23:24: in der Sache gesehen hast. Wenn man jetzt da weitergeht und sagt:
00:23:27: Ich muss aber an der richtigen Stelle anfangen …
00:23:31: Das ist eigentlich das Gleiche wie beim Anfang. Also, wo ist die richtige Stelle?
00:23:35: Siehst du? Was verstehst du also unter „richtig“?
00:23:40: Also ich glaube, für mich wäre richtig,
00:23:42: dass ich den schnellsten und größten Erfolg hätte.
00:23:45: So, und das könnte man ja vielleicht suchen.
00:23:48: Also mindestens einmal nüchtern wie ein Wissenschaftler durch die Bude gehen.
00:23:53: Wo fängt man dann an, am größten Haufen oder am kleinsten?
00:23:58: Also am kleinsten hat man am schnellsten das Erfolgserlebnis,
00:24:02: beim größten ist es aber der größte Erfolg.
00:24:04: Da kannst du dir aussuchen: Wo fange ich an? Möchte ich dieses kleine,
00:24:08: schnelle Glück, oder räume ich den großen Haufen weg?
00:24:11: Aber „richtig“ gibt es nicht. Beide haben ihre Begründung. Gehst du mit so weit?
00:24:15: Ja.
00:24:18: Was von diesem ganzen Zeug, das du seit Jahren aufstapelst, aufhebst,
00:24:22: von einer Kiste, von einer Ecke in die andere beigst, wie der Schwabe sagt –
00:24:28: was von dem ganzen Zeug brauchst du noch? Was davon ist wirklich wichtig?
00:24:33: Also wahrscheinlich könnte ich, wenn ich ganz realistisch bin,
00:24:36: 90 Prozent aller Dinge einfach wegschmeißen.
00:24:39: Okay, cool.
00:24:40: Darf ich es kurz noch ausführen?
00:24:42: Und zwar war ich zwei Wochen auf dem Jakobsweg wandern,
00:24:44: von Porto nach Santiago, und war mit einem kleinen Rucksack unterwegs,
00:24:49: hatte drei Unterhosen, drei T-Shirts, zwei Hosen und … alles im Rucksack drin.
00:24:55: Mir hat eigentlich nichts gefehlt.
00:24:56: Das heißt, du könntest vielleicht sogar mehr als
00:25:00: 90 Prozent entsorgen oder verschenken oder …?
00:25:03: Ja. Irgendwie ausmisten.
00:25:06: Gut, und jetzt noch mal die Frage, also nicht, weil ich doof bin,
00:25:10: sondern nur, damit es für uns alle einleuchtend wird:
00:25:13: Was hindert dich bis jetzt daran, diese 90 Prozent wegzuschmeißen?
00:25:18: Ich hindere mich dran. Oder meine Gedanken.
00:25:21: Gut. Und
00:25:22: welcher Gedanke davon? Wenn du jetzt denkst, wir gehen in die Wohnung
00:25:27: und wir beschließen jetzt, stellen einen großen Container unten hin
00:25:31: und wir machen tabula rasa – was läuft dann in diesem
00:25:34: Augenblick durch deinen Kopf, um Angst zu kriegen?
00:25:40: Ja, da würde ich irgendwie so Gedanken haben wie: Ja, Scheiße, also das kann ich
00:25:43: doch jetzt nicht einfach wegschmeißen. Ich muss es mir erst mal anschauen,
00:25:47: ob ich es noch brauchen kann.
00:25:48: Und dann – das Spiel habe ich ja schon ein paar Mal gemacht –
00:25:51: dann gibt es einen Stapel mit Dingen, die ich noch aufhebe, und Dinge,
00:25:54: wo ich noch nicht sicher bin, und Dinge, die ich wegwerfe.
00:26:00: Und dann wirfst du gar nichts weg, weil manches brauchst du,
00:26:01: bei manchem bist du dir nicht sicher.
00:26:03: Genau.
00:26:04: Und dann müsstest du ja in der Lage sein, dir selbst wehzutun.
00:26:07: Das fühlt sich so an.
00:26:09: Ja, genau. Es fühlt sich an, als ob,
00:26:11: wenn du das weggibst, ein Teil von dir verschwindet.
00:26:13: Ja.
00:26:14: Und die Fähigkeit, diesen Schmerz auszuhalten,
00:26:17: die bezeichnen wir als hohe Frustrationstoleranz.
00:26:22: Du müsstest bereit sein, dir wehzutun, nur dann könntest du ausmisten.
00:26:27: Okay.
00:26:28: Und dadurch, dass du diese Form des Schmerzes aus dem Weg räumst,
00:26:32: kommst du nicht ins Tun. Du hoffst
00:26:34: auf eine Erlösung im Sinne von, dass jemand anderes,
00:26:37: Heinzelmännchen, dir die schweren Entscheidungen abgenommen hätten.
00:26:41: Ja, dann wärst du einfach vor vollendete Tatsachen gestellt, dann wär's leichter.
00:26:46: Aber dass du dir selbst quasi das aus den Rippen schneidest und es wegwirfst,
00:26:50: das fühlt sich wahrscheinlich für dich ekelhaft an,
00:26:54: als würde man dir was amputieren.
00:26:57: Bei manchen Dingen schon, ja.
00:26:58: Und ich spitze das bloß so zu, damit man das versteht,
00:27:02: wie sich manchmal das Weggeben anfühlt: wie ein …
00:27:07: nicht der Verlust von etwas, sondern der Verlust eines Teils der Identität.
00:27:14: Ist das so? Bei manchen Erinnerungsstücken und so, wo man denkt …
00:27:19: Da ist es ganz bestimmt so.
00:27:21: Ja, also nicht die Souvenirs, die ich jetzt im Touri-Shop gekauft habe,
00:27:25: aber wo wirklich Erinnerungen und auch Emotionen dranhängen.
00:27:28: Gut. Jetzt, damit du dir also Ordnung schaffen könntest,
00:27:32: müsstest du bereit sein, dir wehzutun. Bist du damit einverstanden?
00:27:38: Also mindestens diese Form des mentalen Schmerzes.
00:27:40: Du musst ja jetzt nicht eine Gabel in den Oberschenkel stechen, sondern …
00:27:44: Ja, also ich weiß, dass es notwendig ist.
00:27:46: Natürlich gibt es angenehmere Dinge,
00:27:48: und dieses Konzept hat bisher nicht funktioniert.
00:27:51: So ist es. Und wenn wir dich jetzt also ins Tun bringen wollten,
00:27:54: müsstest du bereit sein, dir wehzutun. Bist du damit …
00:27:59: Einverstanden.
00:28:01: Ich nicht, du dir. Weil das wäre dann eine Form von Mut.
00:28:08: Okay.
00:28:09: Ich habe es noch nicht …
00:28:10: Genau, aber wenn du jetzt Marathon läufst oder Berge besteigst,
00:28:14: dann muss man, um hochzukommen, bereit sein, sich wehzutun:
00:28:17: Schindereien, Plackereien, den schweren Rucksack tragen.
00:28:20: Um nach Santiago zu kommen, muss man bereit sein, sich wehzutun.
00:28:26: Ja, das hat's. Aber war schön.
00:28:29: Man läuft sich Blasen.
00:28:31: Ja, steht in den Orten. Ich habe so was auch schon gemacht.
00:28:34: Man fragt sich: Welchen Pfad nehme ich?
00:28:37: Bin ich noch auf dem richtigen Weg? Man hat den ganzen Tag den Zweifel.
00:28:41: Und trotzdem werde ich diesen beschwerlichen Weg zurücklegen.
00:28:48: Ich hatte ein Ziel vor Augen, und ich glaube, dieses Ziel fehlt mir momentan.
00:28:52: Gut, aber du warst bereit, dir auf dem Weg ein wenig
00:28:55: körperliche Schmerzen zuzufügen, um dieses Ziel zu erreichen.
00:28:59: Ja, also ich bin nicht losgegangen, um mir wehzutun oder die
00:29:02: Schmerzen zu haben, aber die sind halt einfach da gewesen.
00:29:05: Hättest du gewusst, wie es wehtut, hättest du vielleicht
00:29:08: das nicht gemacht. Aber vielleicht machst du es noch einmal und sagst:
00:29:12: Auch wenn es wehtut, tue ich es. Stimmt's?
00:29:14: Ja.
00:29:15: So gehe ich an die meisten Sachen ran. Ich weiß, dass es wehtut.
00:29:18: Aber dann überlege ich mir: Wenn ich das Ziel erreichen möchte,
00:29:21: zum Beispiel eine saubere Wohnung … Das tut weh.
00:29:25: Wenn ich das Ziel erreichen möchte, müsste ich wie beim Spazieren nach Santiago
00:29:31: mir nicht körperlich wehtun, sondern nur geistigen Schmerz:
00:29:34: die Fragen in meinem Kopf „Brauche ich das noch?“ hart beantworten.
00:29:38: Und diese Form von Aua müsstest du aushalten.
00:29:42: Das werde ich überleben.
00:29:43: Das wäre meine nächste Frage gewesen, aber du hast sie schon beantwortet.
00:29:48: Also kann man das überleben?
00:29:50: Ich glaube, ja.
00:29:51: Ich glaube auch. Und tut das wirklich weh, oder ist das …
00:29:55: Auf einer Skala von 0 bis 100 wäre 100 Beinamputation ohne Narkose,
00:30:02: mit einem rostigen Messer.
00:30:05: Und die Wohnung aufräumen – und sich fragen:
00:30:08: Wie schlimm wäre das im Vergleich zu so was?
00:30:11: Ich glaube, das sind eigentlich nur Phantomschmerzen.
00:30:14: Die tun aber verrückterweise – und ich habe mal in meiner Doktorarbeit
00:30:18: darüber gelernt, über Phantomschmerzen – genauso weh wie echte.
00:30:24: Deswegen sollten wir sie ernst nehmen und sie einmal prüfen.
00:30:27: Also lass uns diese Phantomschmerzen mal in den Blick nehmen.
00:30:31: Kann man sie jetzt aushalten, oder sind sie wirklich
00:30:35: mit einer schweren Blutvergiftung verknüpft?
00:30:39: Es wird nichts passieren, außer dass meine
00:30:41: Wohnung nach und nach wieder ordentlich wird.
00:30:43: Das wäre geil.
00:30:45: Das heißt, wir könnten, um ein höheres Ziel zu erreichen,
00:30:48: dieses bisschen Aua aushalten.
00:30:51: Mindestens in der Theorie, und in der Praxis müssen wir sehen, ob du es kannst.
00:30:57: Gut, wenn das also geklärt ist, dass man daran nicht stirbt,
00:31:00: sondern dass das nur eine Art Bordsteinkante ist. Also …
00:31:03: Für eine Ameise ist wahrscheinlich eine Bordsteinkante wie für uns der Himalaya.
00:31:08: Und trotzdem rennen die Ameisen in Windeseile senkrecht die Wand hoch.
00:31:12: Ja? Wenn die Ameise denken könnte wie ein Mensch,
00:31:15: weißt du, was die Ameise sagen würde?
00:31:19: Warum rennen die nicht einfach?
00:31:20: Nein, die würde sagen: Oh fuck, so eine hohe Kante, das ist ja senkrecht.
00:31:24: Gott, was, wenn ich runterfalle, und so.
00:31:27: Wenn die Ameise denken könnte wie ein Mensch, würde sie nie hochrennen.
00:31:32: Aber die kann nicht denken, und die rennt einfach, und fertig.
00:31:35: Und du, durch dein ganzes Gedenke – wo fange ich an,
00:31:38: was ist richtig, was brauche ich noch –,
00:31:40: bist du die Ameise, die vor der Bordsteinkante
00:31:43: steht und ihr Bein nicht gelupft kriegt.
00:31:46: Aber wenn du aufhören würdest, den Anfang zu suchen, und einfach loslegen
00:31:51: würdest und wüsstest: Du überlebst, das ist nur mentaler Phantomschmerz –
00:31:56: was könnte dich dann noch hindern?
00:32:01: Ja, ich kann mich hindern, indem ich nicht anfange.
00:32:03: Ja, aber wenn du so denken würdest: Das ist ja gar nicht schlimm,
00:32:06: und jetzt hebe ich einfach mein Bein – was könnte dich dann noch hindern?
00:32:09: Gibt es irgendeinen Feind in deiner Wohnung, der dich am Aufräumen hindert?
00:32:14: Nein, also außer mir niemand.
00:32:16: Gut, und wenn wir jetzt dein Denken ändern würden, könntest du anfangen, heute?
00:32:20: – Ja. – Todesmutig?
00:32:22: Ja.
00:32:25: Die Ameise finde ich auch sehr schön, weil die ja im Verhältnis zu ihrem
00:32:30: Körpergewicht und ihrer Größe unglaubliche Sachen machen kann und Gewichte bewegt.
00:32:36: Wenn ich das als Vorbild nehme, dann schaffe ich da vielleicht ganz viel.
00:32:40: Ich mache auch solche Bilder immer, um zu schnallen, worum es einfach geht.
00:32:45: Jetzt, ist das wie viel Arbeit?
00:32:47: Wenn du jetzt mal angenommen dieses Aufräumen
00:32:50: betrachten würdest wie die Arbeit in deinem Beruf:
00:32:53: Wie viele Tage à acht Stunden muss man da reinknüppeln?
00:32:59: Also um eine Grundordnung reinzukriegen,
00:33:00: wäre es wahrscheinlich schon eine Arbeitswoche.
00:33:03: Ganz gut. Und um es blitzeblank zu machen?
00:33:08: Je nachdem, welchen Anspruch ich da an mich richte, zwei, drei Wochen.
00:33:15: Brauchen wir so lange?
00:33:17: Wenn man auch noch den Keller und den Dachboden angeht.
00:33:20: Da kommen die Freunde erst mal nicht hin.
00:33:21: Aber dass du deine Wohnung aufräumst und
00:33:23: deine Freunde herumführst und ihnen zeigst,
00:33:27: wie du lebst, und … ja. Sagen wir mal, eine Woche da reinstecken.
00:33:34: Mit Eile, Windeseile, mit dem Fleiß dieser Ameise –
00:33:39: dann müsste man wahrscheinlich schon großartige Fortschritte sehen.
00:33:42: Auf jeden Fall. Wenn ich dranbleibe und mich nicht wieder ablenke.
00:33:47: Das heißt, jetzt bräuchtest du also diese Form des Mutes,
00:33:52: dir wehzutun und die Anstrengungen auf dich zu nehmen.
00:33:57: Ja.
00:33:58: Also den Mut, die Anstrengung auf mich zu nehmen, und auch den Mut,
00:34:02: die Sachen, die mir oft vermeintlich wichtiger sind –
00:34:06: am Wochenende irgendwie rausgehen, in die Natur,
00:34:09: wandern gehen –, die einfach mal bleiben zu lassen,
00:34:13: um mich dann dem Ziel, meine Wohnung in Ordnung zu bringen, anzunähern.
00:34:18: Und das ist auch ein mentaler Schmerz, auf diesen Teil des
00:34:22: süßen Lebens zu verzichten, um dieses andere Ziel zu erreichen.
00:34:29: Das nennt man in der Fachsprache Gratifikationsaufschub.
00:34:34: Ich verzichte jetzt auf die Belohnung, um später eine größere zu kriegen.
00:34:40: Ich gehe jetzt nicht spazieren, ich gehe jetzt nicht mit
00:34:42: den Freunden wandern, ich räume jetzt meine Bude auf.
00:34:45: Dann lade ich diese Freunde alle ein, weil das ist viel schöner als ein Spaziergang.
00:34:50: Man verzichtet heute auf etwas Kleineres, um etwas
00:34:53: Größeres zu kriegen. Und wenn du bereit wärst,
00:34:56: dir auch dieses bisschen Schmerz zuzufügen,
00:34:59: dann könntest du ja wahrscheinlich loslegen.
00:35:02: Jetzt pass auf: Ich wünschte, ich hätte göttliche Inspiration, oder es würde ein
00:35:08: Wunder passieren, und meine Wohnung wäre heute nach diesem Podcast von allein
00:35:13: aufgeräumt.
00:35:14: Das sind süße Gedanken, aber leider vollkommen unrealistisch. Warum?
00:35:19: – Weil ich das nicht schaffe? – Und das gibt es nicht,
00:35:22: dass jetzt Heinzelmännchen von allein deine Wohnung aufräumen.
00:35:27: Ach so, während ich hier sitze.
00:35:30: Ja, während … So, weil das wäre jetzt einmal noch gewünscht,
00:35:34: gehofft, eine Kerze angezündet, ja,
00:35:37: dass heute, während wir hier sitzen und uns unterhalten,
00:35:40: deine Wohnung von irgendwelchen guten Geistern aufgeräumt worden ist.
00:35:46: Und dann kann dein Wunsch, dass sich die Wohnung von alleine aufräumt,
00:35:51: ja gar nie in Erfüllung gehen. Weißt du das?
00:35:55: Ja, das ist mir bewusst.
00:35:56: Ist es dir jetzt bewusst?
00:35:58: Das war mir schon davor bewusst.
00:35:59: Weil du hast immer noch gehofft und immer noch geschoben,
00:36:01: als wärst du ein Schneepflug, der die Arbeit vor sich herschiebt wie den Schnee.
00:36:07: Aber wenn du dir wirklich bewusst bist, was brauchst du nie mehr hoffen?
00:36:13: Dass sich was verändert, ohne dass ich irgendwas dazu beitrage.
00:36:18: Gut.
00:36:19: Jetzt, diesen Wunsch können wir also auf den Haufen der Wünsche kicken –
00:36:24: weil es gibt einen Haufen von Wünschen, die nie erfüllt werden,
00:36:28: weil sie unmöglich sind. Verstehst du das?
00:36:32: Jetzt: Ich wünschte, ich hätte …
00:36:36: Heute, jetzt, sofort. Das wäre jetzt wichtig. Ich weiß nicht,
00:36:40: was du heute alles noch zu tun hast, ob das wirklich wichtige
00:36:43: Dinge sind oder ob es Dinge sind, auf die du verzichten könntest.
00:36:47: Dinge, auf die ich Lust habe.
00:36:49: Aber du könntest verzichten.
00:36:52: Ich könnte auf Teile verzichten.
00:36:54: Bravo. Dann wäre jetzt meine Hausaufgabe für dich,
00:36:57: dass du jetzt sofort aufstehst hier
00:37:01: und irgendeine Sache aufräumst, irgendetwas. Wäre das möglich?
00:37:05: Das kriege ich hin.
00:37:06: Ich wünschte, ich würde eine Sache einmal aufräumen.
00:37:09: Heute, jetzt sofort nach dem Podcast. Was hätte ich mir dadurch selbst bewiesen?
00:37:15: Ja, dass ich es selber schaffe,
00:37:17: nicht die Heinzelmännchen brauche oder niemand anderen.
00:37:20: Gut. Und hast du Lust, mich einmal einzuladen, wenn du aufgeräumt hast?
00:37:28: Wenn ich aufgeräumt habe, sehr gerne.
00:37:30: Jetzt würde ich dich nicht in meine Wohnung lassen.
00:37:32: Würdest du für mich aufräumen oder für eine deiner besten Freundinnen oder für
00:37:36: deine Mama? Ich weiß nicht, wer ist die wichtigste Person in deinem Leben?
00:37:40: Die bin ich.
00:37:41: Und neben dir? Weil für dich tust du es ja nicht. Du räumst ja für dich nicht auf.
00:37:46: Also, wer ist die wichtigste Person in deinem Leben?
00:37:49: Wen würdest du gerne einmal zu dir nach Hause einladen?
00:37:53: Eine sehr gute Freundin, die trotzdem kommt,
00:37:55: obwohl es so aussieht, wie es ausschaut.
00:37:58: Aber du würdest gerne einmal für sie aufräumen.
00:38:01: Das würde ich machen. Ich würde für jemand anderen aufräumen.
00:38:04: Meine Frau und ich, wir laden uns oft die Freunde ein am Wochenende,
00:38:09: um einen guten Grund zu haben, Samstagvormittag
00:38:13: wie die Geister durch das Haus zu rennen und alles in Ordnung zu bringen.
00:38:18: Wir machen das dann für die anderen, aber auch gleichzeitig für uns.
00:38:22: Dann sind wir stolz darauf, dass wir uns überwunden haben, Ordnung zu machen.
00:38:27: Du solltest dieses soziale Motiv nicht vernachlässigen.
00:38:31: Dadurch, dass die anderen dir wichtig sind …
00:38:33: – Ja. – … aber du ein bisschen, sagen wir mal …
00:38:37: Ist das Bequemlichkeit oder so, die dich hindert aufzuräumen,
00:38:41: jetzt den Anfang zu finden und so weiter?
00:38:43: Wenn du diese Bequemlichkeit überwindest und
00:38:45: für deine beste Freundin aufräumst –
00:38:47: für mich musst du das ja nicht machen, für deine beste Freundin –,
00:38:51: dann hättest du Win-win.
00:38:54: Warum hat man zwei Gewinne? Wer würde alles gewinnen?
00:39:02: Also ich würde wieder Freiheit gewinnen, mich wohlfühlen,
00:39:07: und würde auch wieder Leute einladen, ohne Scham und ohne schlechtes Gewissen.
00:39:12: Und die anderen würden über dich dann was denken?
00:39:16: Wow, die Ariane hat eine schöne Wohnung. Das macht Spaß, zu ihr zu kommen.
00:39:20: Dann hätten alle Win.
00:39:22: Jetzt mache ich dir noch eine Idee, eine praktische Lösung.
00:39:26: In diesem Fall gibt es einmal eine Sitzung, wo wir auch wirklich
00:39:29: praktische Lösungen haben. Oft haben wir nur emotionale Lösungen.
00:39:34: Aber in deinem Fall gibt es wirklich was zu tun.
00:39:37: Es gibt wirklich was mit den Händen zu tun.
00:39:43: Ist diese Freundin, die du gerne einladen würdest, wirklich eine der Freundinnen,
00:39:47: die selbst kommt, wenn es nicht so ordentlich ist, hast du gesagt?
00:39:50: Ja.
00:39:51: Was, wenn du sie um Hilfe bittest?
00:39:55: Sie hat leider ganz wenig Zeit.
00:39:57: Okay, gut, dann scheidet das aus.
00:40:00: Aber weißt du, wen du bitten könntest? …
00:40:02: Ich könnte etwas machen für dich, theoretisch. Aber … mal sehen.
00:40:07: Du könntest mich bitten, dass ich für dich rausschmeiße.
00:40:12: Oh, das sind jetzt aber ganz heftige Schmerzen.
00:40:16: So machen es meine Frau und ich.
00:40:19: Wir misten gegenseitig unsere Sachen aus,
00:40:22: und wir urteilen für den anderen: „Nein, das brauchst du nicht,
00:40:26: das ist altes Zeug. Mach das weg.“ Dann geht man knallhart vor.
00:40:30: Ich habe gestern auch einen Freund gefragt, ob er vielleicht mal vorbeikommt
00:40:35: – und mich unterstützt. – Und dann solltest du ihm so eine Art
00:40:40: Macht geben, dass er für dich entscheiden darf, und dass du nicht mehr mitmachen
00:40:44: darfst. Du hast, sagen wir mal, zehn Vetorechte am Nachmittag, aber nicht mehr.
00:40:49: Natürlich deine wirklich wichtigen Dinge, dein Personalausweis, deine
00:40:56: Erinnerungsfotos an die liebgewordenen Familienmitglieder usw.,
00:40:59: die darf man nicht wegschmeißen. Das muss man vorher erarbeiten.
00:41:03: Aber alles, was irrelevant ist …
00:41:06: Und du könntest natürlich zu dir selbst so hart sein.
00:41:09: Ich mache es zum Beispiel so: Was ich in den letzten sechs
00:41:12: Monaten nicht in der Hand hatte, kann prinzipiell weg.
00:41:16: Ja, ich kenne die Methode.
00:41:18: Aber das sind die Tricks, die bisher nicht funktioniert haben bei dir.
00:41:23: Bei mir helfen die, weil ich bereit bin, mir halt diese Form von Schmerz zuzufügen.
00:41:30: Es geht um den Schmerz, nicht um die Sache.
00:41:34: Die Angst vor dem Schmerz.
00:41:36: Siehst du. Und jetzt noch mal, dass wir die Kurve kriegen:
00:41:42: Was ist größer, die Angst vor dem Schmerz oder der Schmerz selbst?
00:41:47: Der Schmerz existiert ja nur im Kopf, der ist ja nicht real.
00:41:50: Und jetzt, dass wir noch einmal diesen Teil des Problems auch angehen,
00:41:54: weil das sehr präzise jetzt von dir war:
00:41:57: dass die Angst vor dem Schmerz noch schlimmer ist als der Schmerz selbst.
00:42:01: Wie gefährlich ist dann die Angst vor dem Schmerz,
00:42:04: wenn der Schmerz schon nicht gefährlich ist?
00:42:07: Also die Angst vor dem Schmerz ist eigentlich unbegründet.
00:42:10: Ja, die ist unbegründet.
00:42:12: Was könntest du also heute wie eine Alltagsheldin tun?
00:42:17: Anfangen und loslassen.
00:42:19: Ja. Eine Woche Urlaub nehmen und deine Bude in Ordnung bringen.
00:42:24: Noch geiler wäre, dass du umziehst.
00:42:26: Ja, das ist ja mein Plan. Das schwingt ja irgendwie so mit, dass ich denke,
00:42:30: wenn ich dann umziehe, dann muss ich sowieso ausmisten. Aber …
00:42:35: das dauert noch, bis ich dann mal so weit bin.
00:42:37: Jetzt tust du einfach so, als würdest du umziehen.
00:42:39: Mhm.
00:42:40: Dann kannst du mit dem harten Stahlbesen durch die Bude gehen. Ja?
00:42:47: Was nimmst du aus unserem heißen Stuhl heute mit?
00:42:52: Also zum einen nehme ich mit, dass ich einfach einen Anfang machen …
00:42:58: Egal wo, Hauptsache anfangen.
00:43:01: Wem versprichst du das jetzt? Mir oder dir?
00:43:05: Also in erster Linie mir selbst.
00:43:08: Und du bist sozusagen mein Zeuge.
00:43:09: Ja, wenn du Lust hast. Manchmal machen wir das im Coaching so.
00:43:13: Manchmal sagen wir: Schick mir ein Foto von deinem Esstisch vorher und nachher.
00:43:18: Aber dann tu bitte nicht einfach alles auf den Boden schmeißen.
00:43:22: Räum so auf, dass du ein kleines Glücksgefühl hast.
00:43:25: Dann kannst du für den Rest deines Lebens überlegen,
00:43:28: ob du das aushalten kannst oder nicht und ob du prinzipiell das
00:43:32: schaffen könntest, Ordnung zu halten. Weil ich denke, dass du
00:43:37: intellektuell locker in der Lage bist.
00:43:41: Ja, das denke ich auch, und das ist ja auch das, was mir zu schaffen macht.
00:43:45: Gut. Jetzt noch mal – ich habe dich unterbrochen –: Was nimmst du noch mit,
00:43:50: außer diesen kleinen Anfang?
00:43:53: Dass es nicht wehtut, aufzuräumen, loszulassen,
00:43:56: Sachen rauszuschmeißen, sondern dass es mir sogar Freiheit bringt.
00:44:01: Lebensqualität.
00:44:02: Es tut nicht körperlich weh, es tut nur im Kopf weh.
00:44:06: Es könnte wehtun. Es ist wie Liebeskummer.
00:44:09: Der geht vorbei.
00:44:10: Ja, da hast du auch recht, genau. Aber ich meine den Teil, der
00:44:15: mental wehtut: Man verliebt sich in jemanden,
00:44:17: dieser Jemand erwidert die Liebe nicht.
00:44:20: Da leidet man Schmerzen. Echte Schmerzen oder ausgedachte?
00:44:24: Ja, ausgedachte Schmerzen.
00:44:26: Wenn man noch nie mit dieser Person zusammen war und sie dann
00:44:31: nichts von einem will, was hat man in Anführungszeichen verloren?
00:44:36: – Eigentlich nichts. – Nichts. Und warum tut es dann weh?
00:44:41: Wenn wir das beantworten könnten, wir beide,
00:44:43: würden wir direkt den Nobelpreis bekommen.
00:44:46: Es ist unverstanden, warum das Platzen eines Gedankens wehtut.
00:44:51: Und es ist auch im Grunde unverstanden, warum
00:44:55: Aufräumen mental wehtut. Mindestens manchen.
00:44:57: Manche machen es ja gerne, du nicht. Und dir tut es irgendwie weh.
00:45:02: Schmerzverursachung: Wir wissen jetzt, dass dieser Schmerz nicht durch das
00:45:05: Aufräumen entsteht, sondern dadurch, wie du über das Aufräumen denkst.
00:45:09: Wenn du das Denken änderst, dann kannst du den Schmerz ändern.
00:45:13: Das war im Kern die Idee dieser Sitzung.
00:45:18: Ja, so habe ich es auch verstanden.
00:45:21: Gut. Dann wünsche ich dir jetzt viel …
00:45:26: vor allen Dingen sogar während du aufräumst Spaß.
00:45:29: Wir hatten das vorhin in dem anderen
00:45:32: Podcast, den wir gemacht haben, das nennt man Prozessmotivation:
00:45:36: nicht nur das Ziel vor Augen haben, sondern während man
00:45:40: aufräumt, die kleinen Fortschritte sehen und sich an jedem Blatt Papier
00:45:45: ein wenig erfreuen, weil jedes Blatt dich dem großen Ziel näher bringt.
00:45:49: Du musst nicht den ganzen riesigen Berg sehen, sondern
00:45:53: jede Schaufel, die du abträgst, ist im Kern der Weg zum Ziel.
00:45:58: Und von daher wünsche ich dir jetzt ganz viel Erfolg bei der Umsetzung, und
00:46:02: ich bedanke mich aus tiefstem Herzen, dass du bei unserem
00:46:06: Podcast mitgemacht hast und so ein persönliches Thema
00:46:09: auch so mutig geteilt hast. Ganz herzlichen Dank dafür.
00:46:13: Ja, ich danke dir, und ich hoffe, dass ich mit dem Thema vielleicht
00:46:16: die eine oder andere Person motivieren kann, einfach loszulegen
00:46:20: und nicht darauf zu warten, dass die Heinzelmännchen kommen.
00:46:22: Vielen Dank.
00:46:26: So, das war wieder eine spannende und hoffentlich erkenntnisreiche Folge
00:46:31: meines Podcasts „Der heiße Stuhl“. Wenn es dir jetzt gefallen hat,
00:46:36: dann hinterlass uns doch unten in der Bio einen Kommentar,
00:46:40: beziehungsweise teile und empfiehl unseren Podcast natürlich allen deinen Freunden.
00:46:45: Und wenn du uns persönlich einmal kennenlernen willst,
00:46:48: dann komm doch vorbei im Dr. Holzinger Institut. Und jetzt
00:46:53: freue ich mich natürlich vor allen Dingen darüber,
00:46:56: dass du meinen Podcast abonnierst.
00:46:59: Vielen Dank fürs Zuhören und bis ganz bald. Tschüss!
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